315
einen bewaffneten Einfall in Hettels Land den erlittenen Schimpfzu rächen. Nicht anders erging es Herrn H a r t m u t, dem SohneKönig Ludwigs von der Normandie. Frau Hilde dachtedaran, dass Ludwig einst von ihrem Vater Land und Burgen zuLehen empfangen hatte, und wollte ihre Tochter keinem ab-hängigen Fürsten geben. Zunächst hatte Hartmut nur Botennach Hegelingen geschickt, und ob er zwar betrübt war überdie Abweisung, die sie heimbrachten, so gab er doch die Zu-versicht noch nicht auf, sondern hoffte, in eigner Person seineSache besser zu führen. Unerkannt erschien er an Hettels Hofund offenbarte sich allein der Jungfrau. Jedoch, wie sehr ihrsein ritterliches Wesen, gefiel, so wollte sie doch den Elternnicht ungehorsam sein, sondern riet ihm durch heimliche Bot-schaft, sich zu entfernen, damit er ihres Vaters Zorn entgehe.
Auch die Macht König Herwigs von Seeland schienGudruns Eltern nicht bedeutend genug, dass sie ihm ihr Kindhätten geben mögen. Aber kühnen Sinnes beschloss dieser,das Glück zu zwingen. Eilig sammelte er ein starkes Heer undüberfiel die unvorbereiteten Hegelinge in der Königsburg M a-telane. Wohl griffen diese zu den Waffen; aber schon warendie überlegenen Feinde durch die Tore eingedrungen und brachtendie Burgleute in grosse Not. Zagend sah Gudrun vorn Fenster,wie Herwig ihrem Vater im Streite hart zusetzte. Da rief siein das Getümmel hinein, man solle die Waffen ruhen lassen;um ihretwillen solle kein Blut hiessen. Des zeigten sich beidewillig; denn Herwig nahm ihre Worte als gutes Zeichen für sich,und Heftel fand Gefallen an der Kühnheit des streitbaren Freiers.Die Fehde ward eingestellt und Gudrun mit Herwig verlobt.Die Hochzeit aber wurde noch um ein Jahr verschoben, weilHilde sich von dem geliebten Kinde noch nicht trennen mochteund sie erst in den Tugenden und Pflichten einer Königin unter-weisen wollte.
Mit Neid und Ingrimm vernahm Siegfried von Moorland dieKunde, dass Herwig ihm vorgezogen sei, und beschloss, sichan ihm zu rächen. Er sammelte ein gewaltiges Heer und fielsengend und brennend in des Nebenbuhlers Land ein. Wohlstellte sich Herwig ihm zur Feldschlacht entgegen; doch wietapfer seine Scharen auch fochten, sie mussten sich vor derUebermacht zurückziehen, und Herwig sah mit Kummer, wiesein blühendes Reich in eine Einöde verwandelt wurde. Da
5
10
15
20
25
30
35
40