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des einzigen Sohnes Tod, zu gross sein Hass gegen Hagen,als dass er ihnen Gnade hätte gönnen mögen. Doch Kriem-hilde gingen die Bitten ihres lieben Bruders Giselher zu Herzen,so dass sie verhiess, allen anderen das Leben zu lassen, wennsie ihr den Todfeind Hagen auslieferten. Da riefen die dreiBruder wie aus einem Munde: „Begib dich dieser Hoffnung;denn das wird nimmer geschehen, dass wir unserm Eigenmannedie Treue brechen, die er uns sein ganzes Leben lang gehaltenhat. Nichts soll uns von ihm scheiden als der Tod.“ Da riefdie Königin, man solle Feuer an den Saal legen, und nicht langeging es, so stand das weite Gebäude in hellen Flammen. Furcht-bare Hitze verbreitete sich durch den Raum; Funken sprühten,Flammen lohten, das Gebälk erkrachte, und die Feuerbrändefielen auf die Unglücklichen hinab. Sie deckten sich mit ihrenSchilden, flüchteten sich von einer Ecke in die andere, und wiedurch ein Wunder überstanden sie den ganzen Brand. Abermancher wollte den Qualen des Durstes erliegen. Da riet Hagen,das Blut der Erschlagenen zu trinken. Und so grausig warihre Not, dass sie dem Rate folgten. Am andern Morgenstanden nur noch die Mauern des Gebäudes, und Kriemhildewähnte sich von ihren Feinden befreit. Aber wie entsetzte siesich, als sie vernahm, dass ihrer viele noch am Leben seien.Doch ihr Herz kannte kein Erbarmen mit den Sturmesmüden,und sie befahl neuen Kampf; die Feinde schienen jedoch un-bezwinglich.
26. MarkgrafRüdegersTod. Da kam gesenkten Haup-tes Markgraf Rüdeger gegangen, trauernd über seines KönigsLeid, noch mehr aber über seiner lieben Gastfreunde Not. AberKriemhilde sah seinen Kummer nicht. Ihr schien er der besteRächer ihres Leids, und sie begann mit Etzel, ihn zu bitten,dass er den Kampf gegen die Burgunden aufnehme. Rüdegererwiderte: „Das wolle Gott nicht, dass ich gegen meine Gast-freunde streite, die ich mit meinem Schutze an Euern Hofgeleitet habe.“ Aber Kriemhilde mahnte ihn des Schwures,den er ihr getan als Etzels Bote im Burgundenland. Da trauertesein treues Herz; denn er sah keinen Ausweg, keinen Rat. „Leibund Leben,“ sprach er zu Kriemhilde, „habe ich Euch gelobt;nehmt es hin. Aber meine Ehre, das Heil meiner Seele kannich Euch nicht opfern, indem ich die Hand gegen meine Gast-freunde erhebe.“ Und als der König sich ihm zu Füssen warf
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