Buch 
Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Bächtold
Entstehung
Seite
75
JPEG-Download
 

Friede auf Erden.

75

12. Friede auf Erden.

Bon Adolf Schinitthenner.

Es gibt ein Dörslein, liegt also fern ab von aller Welt, daß gnteund schlechte Mär zwei Monate später dorthin konimt als sonst anirgend einen Fleck in deutschen Landen. So geschah es, daß man umdie Weihnachtszeit des Jahres 1648 in selbigem Dorfe noch nichtwußte, daß nach dreißigjährigem Kriegsjammer Friede worden warini Vaterland, und doch hatten die Herren Gesandten zu Münsterund Osnabrück schon am 25. Oktober mit umständlicher Feierlichkeitdas letzte große Punktum gesetzt. Bald nach Martini zwar ist einfahrender Geselle gekommen, der erzählte iin Wirtshaus, es sei Fried'im Reich, und er selber habe gesehen, wie die Bauern drunten amStrom auf der Heerstraße ihre Schweine zu Markt getrieben hätten;aber niemand glaubte es ihm. Einer holte den alten Schulmeister.Der fühlte dein Fremden auf den Zahn durch allerlei Fragen. Alsder Geselle erzählte, daß er auf der hohen Schule zu Padua gewesensei, und daß man dort jetzt den Stoßdegen unter dem Rockschoßtrage, da raunte der Schulmeister den andern zu:Traut ihm nicht,'s ist ein Lateinischer", und schier gar hätte der Wandersmann fürseine Friedensbotschaft Schläge bekommen.

So wähnten sich die Leute mitten im Krieg. Wer etwas inFeld oder Wald zu schaffen hatte, nahm einen guten Gesellen mit.Abwechselnd trugen sie das Feuerrohr, und ehe sie an die Arbeitgingen, suchten sie das Umland ab; während der eine Holz machteoder ackerte, stand der andere auf der Wache. Einige Male hatten sichGewaffnete gezeigt; die wurden durch Schüsse vertrieben. Ob esversprengte Soldaten waren oder Raubgesindel, wußte man nicht.Allsonntäglich fügte der Pfarrer dem großen Kirchengebet die Bitteum den edlen Frieden bei, und fast alle andermal ließ er sein Lieb-liugslied singen:Ach Gott vom Himmel, sieh darein und laß diches erbarmen." Er war stimmlos, seit ihm die Kroaten den Schweden-trunk mit heißem Wasser gegeben hatten, und er hatte seitdem keinegute Stunde mehr. Aber er versah noch sein Dienstlem, und dieLeute verstanden ihren Hirten, auch konnten sie sich alle nah zu ihmheransetzen. Krieg, Pest und Hunger hatten aufgeräumt.

So war der Tag vor dem Christfest herangekommen. Niemanddachte mehr an die Friedensbotschaft des Lateinischen. Nur eine hattesie nicht vergessen. Das war des Nachtwächters alte Mutter. Siehatte vor fünf Jahren ein böses Gelübde getan. Das quälte sie jetzt,denn sie lag im Sterben. Es war an einem Wintertag, da trugensie ihr den Mann tot ins Haus. Vvrübersprengende Reiter hatten