Buch 
Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Bächtold
Entstehung
Seite
390
JPEG-Download
 

Z90 An dcu Schlaf. — Am Sarg eines neunzigjährigen Landinannes rc.

Wo du fremde Gestad' umfängst mit bläulicher Woge,

50 Kömmst du säuselnd herab von des Fruchtbaums blühenden Wipfeln,Bater Aether! und sänftigest selbst das strebende Herz mir,

Und ich lebe nun gern, wie zuvor, mit den Blumen der Erde.

121. An den Schlaf.

Von Emanuel Geibel.

Hoch vor allenGaben der HimmlischenSei mir gepriesen,

Du, der SeeleLabendes Wasser,GliederlösenderHeiliger Schlaf!

Dich fegn' ich abends,Wenn ich gebeugt,Ergnickung suchendHerniedersteigeZu deiner Tiefe.

Wie MeereswogenUmfängst du mich kühlend;Und wie das Meer.In seinem Schoße^Nichts Fremdes herbergtUnd faules Gewächs,Trümmer und LeichenRastlos wiederAus Ufer flutet:

Spülst du die SorgenAlle des Tages,

Die kranken GedankenZurück aus Gestad.

Dich rühm' ich morgens,Wenn mir die SeeleVerjüngt emportanchtAus deinen Wellen,

Frisch und strahlendWiedergeboren,

Der meerentstiegenenGöttin gleich.

Ein heilig BadBist du, o Schlummer,Würziger Kraft voll.

Mut und ErneuungAtmet die Psyche,

Wenn deine WogeSanft die bewußtlosSchwimmende trägtVon Leben zu Leben,

Von Strand zu Strand.

So ist der TodAuch ein Bad nur.

Aber drübenAm anderen UferLiegt uns bereitetEin neu Gewand.

122. Am Sarg eines neunzigjährigen Landmannesvon» Znrichsee (1846)

Von Gottfried Keller.

1. So bist du eine Leiche! Es ist ein lang Stück Leben,So ist die alte Eiche Das wir dein Staube geben,

Doch endlich abgedorrt! Ein ausgeklungen Gotteswort.