Porto d'Anzi».
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aller Strenge gehandhabt. Auf etwa neun »der zehn Bürschchen, diemeinen Stuhl umgaben, machte ich uier ausfindig, darunter einendreizehnjährigen, die von Lesen und Schreiben keine Ahnung hattenund mir auch freimütig eingestanden, daß sie noch niemals die Schulebesucht hätten; sie seien zu arm, sagten sie; sie müßten dem Vaterhelfen. Um so stolzer waren diejenigen, welche jetzt Gelegenheit hatten,ihre Kenntnisse darzulegen. Einer besonders, ein gewisser FelippoTreglia, schrieb seinen Namen mit fester, sicherer Hand und in schönenZügen in mein ihm dargereichtes Taschenbuch und nahm den Saldofür diese Leistung mit vor Freude hochgeröteten Wangen in Empfang.Auch andere wollten sich nun einschreiben, und ich sehe jetzt noch indem Taschenbuchs, das vor mir liegt, einen Antonio Martini undeinen Giovanni Capolei eingetragen. Vor achtzehn Jahren, als Romnoch päpstlich, hätte man in Porto d'Anzio nicht einen einzigen desSchreibens kundigen zehnjährigen Fischerknaben entdecken können.
Ueber solchen wissenschaftlichen Bestrebungen haben übrigens dieBürschchen ihre sonstigen natürlichen Geschicklichkeiten keineswegs ver-lernt, wie sie uns alsobald bewiesen. Denn als wir sie fragten, obsie imstande wären, eine ins Meer geworfene Geldmünze tauchendaufzufangen, begrüßten sie den Vorschlag mit Jubel, und nun ging'szu einer geeigneten Stelle am Strand, wo die jungen Wilden ihrerHöschen sich rasch entledigten und gleich Jagdhunden den Augenblickabpaßten, da der Wurf geschehe, um alsobald sich kopfüber in die Flutzu werfen. Der erste Saldo ging verloren; denn durch den Wellen-schlag war das Wasser zu trüb, als daß auch die scharfen Augendieser Fischerbuben die braune Münze im Sinken hätten erspähentonnen. Sie baten mich, ein Papierchen darum zu wickeln. Von daan gelangte kein Soldo mehr auf den Grund, sondern, sobald er aufder Oberfläche verschwunden war und in seiner weißlich schimmerndenHülle in die Tiefe sank, schössen sie gleich Hechten auf ihn los. Werihn zuerst faßte, dem suchte keiner der andern ihn zu entreißen, sodaß z. B. das kleinste Bürschchen, ein munteres Kerlchen von kaumsieben Jahren, dem die Stärkeren gar leicht den Fund hätten weg-nehmen können, gleich die erste Münze triumphierend herausbrachte.Zwischen den Zähnen hielt sie der kleine Junge und lachte dazu mitdem ganzen Gesicht. Das Spiel dauerte so lange, als die Tasche Soldihielt, und keiner von allen ging leer aus. Dafür gaben uns danndie Bürschchen noch bis zum Bahnhöfe das Geleite, und namentlich derKalligraph Felippo Treglia konnte sich, wie ein treues Hündlein, kaumvon uns trennen; selbst als der Zug sich schon in Bewegung setzte,sah er uns noch mit seinen großen, dunkeln Augen nach und winkteAbschiedsgrüße.
BNchtold. Lkfel'»ch II.
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