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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Bächtold
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185
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Der Schwan.

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Langsam und stolz schwimmt er durch den abendstillen Weiher.Kein Blatt regt sich, keine Welle; der Schwan allein zieht seine langeneinsamen Kreise, wie wenn ein lichter Geist der Wasser schweigenddahinglitte, jetzt plötzlich in der Tiefe verloren, jetzt in erneutem Glänzeemportauchend. Wie blendend schimmert sein schneeiges Weiß, wieprächtig hebt und biegt sich dieser Wellenhals, wie leicht und freischwebt er dahin, die Schwingen segelgleich gelüftet, jeder Umriß sanftsich schmiegend, jede Stellung seelenvoll, jede Bewegung edel; einwechselndes Spiel der schwunghaftesten, anmutigsten Linien, gleich alswisse er, daß die Flut selber im Anschauen seiner Schönheit weile! So kreist er nach der tiefsinnigen Sage des Nordens auf demUrdarborn, dem heiligen Quell der Zeit, von Aggdrasils, des Welt-banins, Zweigen überschattet. So führt er nach dem römischen Dichterden Wagen der meerentstiegenen Göttin über die Wellen. So end-lich verstehen wir erst jene lachende, geistvolle Mythologie, die diesenBöge! der Reizendsten unter den Sterblichen zum Vater gab, undjenen Ausdruck des deutschen Gedichts, welches, die WalkürenfchönheitBrunhilds zu bezeichnen, kurz von ihr sagt, sie gleiche dem Schwanauf der Welle. Nicht minder herrlich als sein Schwimmen ist derFlug des Schwanes; er fährt durch die Lüftewie ein Held undAdler", und wie sernhertönender Posaunenstoß oder verhallendes Ge-läut der Glocken klingt ihr Chor aus der Höhe. Das ist der Schwanen-gesang, halb Kriegsruf und halb ein Friedenspsalm. Er liebt aberden Frieden mehr als den Streit.Herrschen Löwe und Tiger ausder Erde, Adler und Geier in der Luft nur durch Krieg und Grau-samkeit, so waltet aus den Gewässern der Schwan durch seine Größe,Majestät und Sanftmut. Sind jene blutige Tyrannen, so ist er einFriedensfürst, der erste Bürger eines stillen Freistaates", ruheliebendgenug, um nie den Kampf zu suchen, und stark genug, um ihn nie zufliehen. Furchtlos erwartet er den Adler, und sein Mut und seineKraft geben ihm den Sieg auch über die lauernde List des Fuchses,ja über das Eisengebiß des Wolfs, die er mit ins Wasser reißt undhinabdrückt. Darum ist es ein schönes Bild, wenn Homer die anSden Schiffen in die Schlacht stürzenden Griechen vergleicht mit dem

Volk langhalsiger Schwäne,

Hierhin flatternd und dorthin mit freudigem Schwünge der Flügel,

Dann mit Getön absenkend den Flug, daß weit das Gefild schallt."

Aber schöner noch dünkt uns, daß nach deutscher Ursage überden Häuptern der Helden Schwäne singend einherziehen, gleich alsrufe sie Walhalla zur Unsterblichkeit.

Fühlt der Schwan den Tod nahen, so strömt er sein letztes Lebeniu erhabenen und entzückenden Melodien hin: dies eine Fabel zwar,