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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Bächtold
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197
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Dietrich von Berne.

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für die antike Bildung, welche kein Germane früher und keiner tiefererkannt hat als dieser Gote des sechsten Jahrhunderts. Einen solchenEindruck hatte ihm die Ueberlegenheit der Griechen und Römer inStaat, Kunst, Wissenschaft und Gesittung gegenüber der Roheit seinerBarbaren gemacht, daß er diese unterschätzte, daß er die unheilbareFäulnis der antiken Welt verkannte und nicht an den Beruf der Ger-manen glaubte, aus den noch ungehobelten Schätzen ihres National-charakters gesunden, neuen, köstlicheren Stoff in die Weltgeschichte ein-zuwerfen. Er wollte seine Goten zwar nicht geradezu zu Italienernmachen, aber er ivollte sie allerdings denselben durch die Bildung soähnlich gestalten, daß die Italiener sie als Bruder lieben sollten, under hoffte, durch eine gerechte, ja väterliche Regierung, durch Gleich-stellung, ja Bevorzugung der Welschen, durch die Segnungen seinerMilde diese zu solchem Danke verpflichten zu können, daß ihre Liebedie beste Stütze seiner Herrschaft gegen die Byzantiner sein werde.

Das war ein schöner, aber trügerischer Gedanke.

Denn wenn einerseits seine Goten bei aller Bildungsfähigkeitder völligen Romanisierung widerstrebten, so war es anderseits einidealistischer Wahn, zu glauben, die Italiener würden auch die segens-reichste Barbarenherrschaft jemals mit Liebe tragen. Nach Byzanz,lvo der Kaiser thronte, der Schützer des orthodoxen Glaubens, nachGriechenland, wo stamm-, sprach- und sittenverwandte Freunde, seitJahrhunderten mit ihnen im gleichen Staat verbunden, lebten, blicktensehnend alle Italiener auf um Erlösung von den Goten, den ariani-schen Ketzern und Barbaren. Aller Dank gegen Theodorich, alle Be-wunderung seiner Weisheit und Größe konnte daran nichts ändern,und als nach seinem Tode die Byzantiner die Wiedereroberung Italiensversuchten, gelang dieselbe auch dem Heldenmute eines Belisar und derFeldherrnkunst eines Narses nur aus diesem einzigen Grunde: durchden sofortigen Abfall aller Italiener.

Theodorich mochte diese geheime Schwäche seines Reiches, dieseUnsicherheit der Grundlage seines ganzen Staatenbaues wohl erkannthaben, und er suchte sich durch Bündnisse mit den übrigen Germanen-stämmen gegen Byzanz wie gegen einen andern, kaum minder gefähr-lichen Feind zu stärken. Das waren seine nördlichen Nachbarn, dieFranken, deren rücksichtslos kräftiger König Chlodovech durch alleMittel der List und Gewalt, unterstützt von der Raschheit und Schlag-fertigkeit seines Volkes, einen mächtigen Staat aufgerichtet hatte, denseine Nachfolger mit den gleichen Mitteln erweiterten. Die Mero-wingen waren ein hartes Geschlecht, an Hoheit und Seelenadel demAmalungen Theodorich entfernt nicht zu vergleichen,' aber ihr Reichhat bestanden bis auf diesen Tag, indes des edeln Theodorich