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Dietrich vo» Berne.
Er betrachtete Italien als das Vaterland seiner Goten, welcheer unter die Italiener zerstreut angesiedelt hatte; Platz war vollaufin dem durch Kriege verödeten Lande, und Theodorich hatte sich mitdem Dritteil des Bodens begnügt, welches schon Odovakar für sichgenommen; als „Gastfreunde" (ko8pits8) sollten sich die Welschenund die Goten betrachten und ein schönes Wechselverhältnis von Be-lehrung und Benützung aus der römischen Bildung und der gotischenKraft erblühen; statt dessen hatte die Maßregel nur die Folge, daßbei der Landung Belisars die über die ganze Halbinsel einzeln zer-streuten Goten von ihren welschen „Gastfreunden" vielfach ermordet,gefangen, überwältigt wurden, ehe sie sich sammeln konnten.
Nur ein Vorrecht sollten die Goten haben, ein sehr lästiges —sie allein, nicht auch die Italiener, bildeten das Heer des Staats,was freilich auch ein Zeichen des Mißtrauens war. In dem Finanz-wesen behielt der König die römischen Einrichtungen bei, milderte aberderen schweren Druck durch sehr häufige Steuernachlässe bei allenUnglücksfällen, wenn Krieg oder Mißwachs die Provinzen in Notgebracht hatten. Durch unbegrenzte Wohltätigkeit und eifrige undverständige Sorge für alle Zweige des materiellen Lebens hob er dasverarmte Volk, das verödete Land, welches bei seinem Regierungs-antritt nur Dornen und Disteln getragen, aufs neue zu solchem Reich-tum und solcher Blüte, daß die fremden Gesandten staunend ausriefen,hier seien Wunder geschehen. Es waren aber keine Wunder, sonderndie Früchte von Theodorichs unermüdlichen Sorgen für Ackerball undViehzucht, für Handel und Gewerbe, für Bergbau, Trockenlegung vonSümpfen, Herstellung von Straßen, Brücken und Kanälen, für regel-mäßige Posten, für Münzen, Maß und Gewicht; bis aus den WüstenAfrikas ließ er kundige Männer kommen, welche verborgene Quellenim Schoße der Erde zu entdecken verstanden, um dem wasserarmenLande neue Lebensadern zu gewinnen.
Was aber seine geniale, staatsmünuische Begabung ins schönsteLicht stellt, ist, daß er in jenen finstern Zeiten ein leuchtendes Beispielreligiöser Duldung aufstellte. Während die Katholiken im Ostreichseine arianischen Glaubensgenossen mit allen Greueln des Fanatismusverfolgten, Tod, Kerker, Verbannung, Konfiskation über die Ketzerverhängten, vergalt Theodorich nicht Gleiches mit Gleichem, sondernschonte und schützte die katholische Kirche und ihre Angehörigen inseinem Staate in allen ihren Rechten und Besitzungen und stellte sieseinen Arianern völlig gleich. Ja, als der katholische und arianischePöbel in Ravenna eine Judenverfolgung erhoben und eine Synagogeverbrannt hatte, schützte der König nicht nur die Armen, welche gleich-zeitig im byzantinischen und im westgotischen Reich von der Regierung