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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Bächtold
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Künstler.

Meister, Eure Farben brennen,

Meister, Eure Linien leben,

85 Und in Eurem Bilde leb' ichGlücklicher zum zweiten Male.

Meister, sprecht; ich seh mein AntlitzHeut zum ersten Male wirklich;

Sprecht, wo Eure Quellen rauschen;

90 Nennt die Heimat Eurer Seele;

Laßt mich das Geheimnis ahnen."

Und der Meister hebt die Schultern,

Und er spricht:Ich bin Franz Hals."

Sieh, da lächelt leis der Fremde:

95Seltsam kühn war mein Begehren;Seltsam kühn soll auch mein Dank sein.Tief zum Westen sinkt die Sonne;Meister, gönnt mir eine Stunde;

Gönnt mir diesen zweiten Wunsch,

100 Dem als dritter die Entschuld'gungFür den zweiten folgen möge,

Laßt mich Euer Antlitz malen!"

Wahrlich, wahrlich, seltsam kühn",

Und der Meister lächelt spöttisch,

105 Lächelt mit gesenktem Haupte.

Ihr seid jung. Wohlan, es sei."

Also, wie Ihr steht dort, Meister,

Halb verschwommen schon im Zwielicht,Mit dem Lächeln um die Lippen,110 Also mal' ich Euer Antlitz."

Und der Fremde greift geschäftigTuben, Zeichenstock, Palette,

Spannt geschäftig eine Leinwand,

Und sein Blick umfaßt gewaltig115 Das gesenkte Künstlerhaupt.

Stille.

Aus dem Lindenbaum im GartenWachsen sacht der Dämmrung Schatten;Singend kehren von den Feldern120 Heim die tagesmüden Bauern,

Und im Weingerank am FensterZwitschert eine schwarze Amsel.