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Das Tulpenschisf.
Alle vier auf einmal surrend breit zur Flucht die Flügel spannten.
95 Und mitsamt dem Tulpenschisfchen schnurrten die dem Tod GeweihtenIn des nächsten Baumes Krone, drans viel weiße Blüten schneiten.Flatternd zwischen diesen Grüßen aus dem luft'gen WipfelreicheKam herab die Pharaonin auch, — des gelben Falters Leiche.
Mit weit aufgerißnen Augen sah der junge Missetäter100 Das Geschehnis. Und ihn beuchte, daß im fernen blauen AetherSei das Tulpenschisf verschwunden wie einst des Elias Wagen.
Da befiel ihn der Gedanke: Vor den Thron des Höchsten tragenWerden wahrlich diese Viere die durchbohrten TodesleiberUnd, in ihrer Onal verstummend, laut verklagen ihren Treiber.
105 Weh! Der Gott, der einst Elias zu sich hob, hat auch gegebenDas Gebot: „Du sollst nicht töten!" Heilig, heilig ist das Leben.Und ich griff mit Mord und Marter in dies Heiligtum! zerstörte,Was unschuldigen Geschöpfen als ihr einzig Gut gehörte,
Raubt' ihr bißchen Lebensodem dieses Gartens stillen Bürgern,
110 Diesen friedlichen Gesellen! Bin von all den tausend Würgern,
Die Natur auf allen Zweigen hält bereit zum Tod der Schwachen,
Der verworfenste, weil jene nur aus ernster Not den RachenOeffnen, wenn sie diese Kleinen jagen, um sie zu verschlingen,Während ich so großen Frevel konnt' in närr'schem Spiel vollbringen.115 Weh mir! Wo ich ihresgleichen künftig seh', muß ich erröten,
Und im Herzen als mein Urteil glüht das Wort: „Du sollst nicht töten!"
Weinend bitt're Reuezähren, zwischen Buch und BleisoldatenLegte seinen Kopf der Sünder auf den Schauplatz seiner Taten,
Auf den Tisch, und sah die Fee nicht in dem weißen Zauberschleier,120 Die, sich aus der Laube Wipfel lösend, scheu zuerst, dann freierHinter den verhärmten Knaben trat und wie ein Hauch berührteSeinen Scheitel. Leise sprach sie, während ihre Hand sie führteLässig über seine Locken: „Höre, was ich dir verkünde!
Du bist mein. Und wenn du leidest, — ich verführte dich znr Sünde.125 Denn ich spiegle deinem Geiste, deinen Sinnen, was dich blendet,
Und noch vieles wirst du leiden, bis die Zeit der Prüfung endet.
Doch, wenn du sie kannst bestehen, sei's in vielen, vielen Jahren,Wenn vorbei ist deine Jugend, wenn du stehst in grauen Haaren,Sieh, alsdann bin ich es wieder, die dir weist den Weg zur Sühne,130 Die dich lehrt ein Denkmal bauen deinen Opfern, eine Bühne,
Drauf du mit bewegtem Herzen feierst dieser Kleinen Leiden,
Lehrend deine Menschenbrüder Liebe hegen, Frevel meiden."
So die Göttin. Und der Knabe, schauernd noch in seiner Reue,
Fuhr empor. Da lag der Garten einsam. Nur des Himmels Bläue135 Spannte hoch sich über all den frisch belaubten Blütenbäumen,
Und es zog durchs Herz des Knaben mit der Trauer scheues Träumen.