Buch 
Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Bächtold
Entstehung
Seite
438
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438 Aus dem Festakt zur Enthüllung des Telldenkmals.

Sage.

Dir zuckt im Angesicht die kluge KälteDes Grübelns, das dir alles Freun vergällte.Wissen ist Macht, die sich am Weisen rächt,

Will er bedrücken des Gemütes Recht.

Eng ist dein Sinn, denn ihn hat nie bewegtBegeist'rung, die ein Bolk nach oben trägt.

Du schätzest nur, was deine Hand berührt,

Die dunkeln Zeichen, die dein Griffel führt.

Der tote Buchstab ist's, wobei du schwörst,

In eitlem Stolz dein besser Sein betörst.

Dem Hochmut weh, der wägen will die WerkeDes Unnahbaren, der die Geister lenkt!

Er wirft ihn nieder, leiht nur seine StärkeDem Tiefgebeugten, den die Welt gekränkt.

Dein hochgepriesen Buch hat oft gelogen,

Mit Schrift bezeugt, daß du auch fehlbar bist;Doch Sag' und Sang und Duft noch nie betrogenEin Herz, das den Gesang nach seinen, mißt.

Geschichte.

Du bist ein Weib und bleibst, was du geboren,In engen Kreis gezwängt, im Traum verloren.

In dumpfer Spinnstub drehe deine Fädchen,

Und deinen Mären lausche Knab' und Mädchen.

Ich bin ein Weib, dem höh'res Ziel gesetzt;

Was keinem Weib gestattet, darf ich wagen:

Ich darf inS Angesicht von Männern sagenDie Wahrheit, welche Starke nie verletzt.

Sage. '

Du schmähst die Amme; denn bevor du warst,War ich und säugte dich und sang dir Lieder,Raunt' Sagen dir ins Ohr; du saugst sie wiederUnd lagst, ein träumend Kind, in meinem Schoß.Du lerntest Schrift und Buchstab, wuchsest großUnd rissest dich von meinem Busen los;

Kein Liebesblick fällt auf die Amme nieder.

Geschichte.

Der Forschungsdrang begräbt die Kinderträume,Gibt hin die Blüte für gereiftes Glück.