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stemmte sich fest auf den Felskopf, beide Hände hielten das Horn; soblies der Bub mächtig, und daß seine Backen zum Platzen gefülltwaren, hinein und sah mich nicht kommen. Ich blieb stehen. Daklingelte es in den Nebeln, da und dort, scharf und kurz. Nun wußte5 ich, daß der Christen, der Geißbub, seine Herde lockte. Das Läutender Schellen stand in seltsamem Einklang zu der Magerkeit der Tiere,es war ein dürrer, kurzer Ton; ohne daß man sie sah, ließ sich jederSprung, den die einzelne Ziege tat, verfolgen. Dann tauchten sie ausder grauen Nacht, weiß, scheckig, dunkel und strichen dem Fels zu,10 wo der Christen stand. Es war, als ob der sie am Faden heranzöge.Er setzte das Horn ab und musterte die Herde. Als einzelne Tierezu lange säumten, fluchte er eins, griff wieder zum Horn und stießhinein, zornig, herrisch, dieses Mal. Langsam kamen die Nachzüglergestrichen. Da stieg er vom Stein und setzte sich an die Spitze des15 Zuges. Wie weiland der Rattenfänger von Hameln vor dem Ratten-heer, zog er vor seiner Herde einher. Als er an mir vorüberkam,grinste er und griff an den Hutrand; er hatte gemerkt, daß ich ihnbeobachtet hatte. Dann zogen sie weiter, in der Art aber, wie derBub Herr war über die Herde und gewissermaßen Herr über die20 Nebel, die ihn nicht kümmerten, über den gehässigen, rauhen Hang,den er mit nacktem Fuß beschritt, lag es wie Freiheit und Kraft, lagetwas, das mich packte.
Einige Tage danach ging ich durch die Dorfgasse, die schmale,sandige, mit den Holzhütten zu beiden Seiten, die sie wie Knöpfe das25 Kleid in spärlichen Reihen säumen, als ob immer wieder ein paarzwischenhinein ausgefallen wären. Die rauchschwarzen Türen standenoffen, denn es war Abend und Sonntag und warm; auf den grauenzertretenen Schwellen lag das milde Gold der versinkenden Sonne.Die von Ober-Ebmeten hockten und standen vor diesen Türen und30 ließen mich Spießruten laufen. Die meisten boten ein kurzes, zögern-des „Tag", einzelne drehten sich ab und traten ins Innere. Was solleiner grüßen, wenn er sich die Mühe ersparen kann! Beim Christeliseinem Vater war die ganze Familie in der Tür beisammen. DieArnoldin, das kleine Weib mit dem freundlichen Gesicht, saß auf35 einem Stuhl und hielt das Jüngste auf dem Schoß. Der Arnold,der Vater, lehnte hemdärmelig an der Hausmauer und rauchte auseiner Stummelpfeife. Er war lang und hager, hatte ein blattern-narbiges, bleiches, verhungertes Gesicht und einen kurzen, just nuran die Mundecken reichenden, rauhen, schwarzen Schnurrbart. Sein40 Kopfhaar war spärlich und an den breiten Schädel gepappt; dem