Aus fernen Ländern.
147. Dämmerstunden in der sibirischen Bahn.
Wir benutzen zu unserer Fahrt durch Sibirien nicht denExpresszug, mit welchem die Westeuropäer gewöhnlich fahren,sondern einen einfachen Personen- oder nach russischer Bezeich-nung Passagierzug. Das hat seine Vorteile und seine Nachteile.
5 Zu den Vorteilen gehört es jedenfalls, dass die Reisekosten soerheblich geringer sind. Auf dem gewöhnlichen Personenzuge,für den der Zonentarif gilt, fährt man um mehr als die Hälftedes Expresspreises billiger (82 Rubel gegen rund 180 Rubelfür unsere Strecke von Moskau nach Werchne Udinsk). Zu10 den Nachteilen würde dagegen mancher es rechnen, dass dieserZug viel langsamer fährt (er braucht von Moskau bis Irkutsketwa D/a Tage mehr) und an vielen Stationen hält, die derExpress überschlägt. Indes finde ich, näher zugesehen, darinauch einen Vorteil; denn man hat dadurch viel mehr Gelegen-15 heit zur Beobachtung von Land und Leuten. Da man zudemin dem Passagierzug nur mit russischen Fahrgästen zu tun hat,und da man gezwungen ist, seine Mahlzeiten auf den Stationenmit anderem russischem Publikum einzunehmen, wird der Be-obachtung noch mehr Spielraum gegeben, und das macht einen20 gewissen Mangel an Eleganz sowie das Fehlen des Speise-wagens schon wett. Schlimm würde es uns freilich in demrein russischen Zuge bei unserer völligen Unkenntnis derSprache manchmal ergangen sein, wenn wir nicht freundlicheMitreisende gefunden hätten, die uns Dolmetscherdienste lei-25 steten. Aber zum Glück fehlte es daran nicht. Mit einer Herz-lichkeit, die einfach rührend war, bemühten sich diejenigenunserer Mitreisenden, welche Deutsch und Französisch verstan-den (Englisch ist selten), um unser Wohl, teilten uns die Zeitdes Aufenthaltes auf einer Station mit, enträtselten uns die Ge-