153
71. Was ein Doktor ausstehen muh. und wie es ihm ergehen kann.
Es war ein „struber", wilder Winterlag. Schnee wirbelte überdie Erde. Scharf pfiff der Wind über die Fläche, peitschte denSchnee, der Ruhe auf Erde gefunden zu haben meinte, wieder auf,jagte ihn aufs neue in den Wirbel hinein, bis er sich bergen konntehinter einer Hecke in einem Hohlweg; dort häufte er sich wie Sol-daten hinter den Schanzen, wenn Kartätschenhagel die Felder fegt.Ode war's im weiten, Weißen Lande. Nur hie und da durchschnittin schrägem, ängstlichem Fluge eine Krähe die bewegte Luft, die Ge-fährtin suchend, die vielleicht irgendwo auf einem Wehrsteine saß.Langsam bewegte sich ein schwerer Frachtwagen durch die Ebene. DiePferde dampften. Den Kragen des Mantels schlägt der ungestümeSturm dem Fuhrmann um den Kopf. Immer mühsamer drehen sichdie mächtigen Räder durch den wachsenden Schnee. Oft weiß mannicht, bewegt sich der Wagen oder sind die bewegenden Kräfte auf-gezehrt, sind sie am Erstarren. Und doch schwindet er eigentlich ausdem Gesichtskreise, einem schweren Leben gleich, das unter schwererBürde oft stockt und doch fort sich schleppt, lange, lange, bis es endlichschwindet aus den Augen der Menschen. Finsterer ward es. Nichtssah man über der Ebene als wirbelnden Schnee. Manchmal reichtedas Auge nicht weiter als der Arm, und oft mußte es sich langeschließen. Zuweilen heiterte der Himmel sich ein wenig auf; dasAuge konnte sich öffnen, weiterhin seine Runde machen.
In einem solchen Zwischenraume sah man aus dem Walde her-vor einen Mann treten, langsam, sah ihn stille stehen, die Hände indie Seiten stemmen, sich setzen auf einen Wehrstein. Dort saß erlange. Lange sah man ihn, wenn der Gesichtskreis zusammen-schrumpfte, wieder nicht. Lange wußte man nicht, saß auf demWehrstein eine Krähe oder noch der gleiche Mensch. Man begannzu ratschlagen, ob man nicht hin sollte zu sehen, was mit dem Men-schen sei. Aber der wirbelnde Schnee dämpfte die ohnehin nichtsehr brennende Menschenliebe, und wenn davon die Rede war, spracheiner zu dem andern: „Vetter, geh du voran, du hast Stiefel an!"
Während einige Leute, die das aus der Ferne wohlgeborgen mitansahen, sich so berieten, kam aus dem Walde heraus ein Wagen.Darauf saß ein Mann; beim Wehrstein fuhr er fast vorbei;dann hielt er plötzlich still, sprang ab und trat zum Steine hin.Dort erhob sich der andere — man sah nun gut, daß es keine Krähewar — und ging mühsam zum Wagen. Der Fuhrmann half ihm
5
10
15
20
25
30
35