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Lesebuch für die zweite Stufe der Sekundarschule / hrsg. von der kantonalen st. gallischen Sekundarlehrer-Konferenz
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Wie groß schien die Welt! Sepplis Welt fing in Stans an und hörtebei den Wallenstöcken auf.

Daheim schalten sie ihn blöd und einfältig, weil er so wortkargwar. Aber das viele Reden war nun einmal nicht sein Fall. Auf der5 Alp war das Nebensache: war er fröhlich, so jodelte er, und kam ihmetwas in die Quere, so pfiff er vor sich hin.

Aber ein offenes Auge hatte der Seppli für die Schönheit seinerHeimat. Nur eines! das andere hatte er vor Jahren eingebüßt,als ein kleiner Kamerad neben ihm eine Flinte so ungeschickt hand-10 habte, daß der Schuß dem armen Seppli ins linke Auge drang. DasAuge war hin, aber der Seppli blieb recht lebendig dabei. Er sagtesich, daß er doch noch ein guter Schütze abgeben würde, dannbrauchte er wahrlich keine solche Fratze zu schneiden wie die anderen,die beim Zielen immer ein Auge zukniffen. Ja, hätte er nur erst ein15 Gewehr! Er hob seine Weidegerte und zielte nach der Sonnenscheibeund dann nach einem Baum. Den würde er sicherlich treffen, wenn errote Hosen trüge wie die Männer, die gestern seines Vaters Hof imKniri einäscherten, daß er mit dem Vieh aus der Weide fliehen mußteund keine Stätte mehr kannte, um sein Haupt hinzulegen. Und alle20 schrien:Fürio! Fürio!" und am Wege schliefen Frauen, Greiseund Kinder so fest, als wollten sie nie mehr erwachen, und alle schautenso traurig drein, und überall floß Blut, als hätte man die Sonne er-mordet. Dem Seppli war es erst wieder wohl, als er auf dem Wisi-berg stand und der große Friede der Weide ihn umgab.

25 Er sann nach. Seit die roten Hosen im Lande wimmelten, trugenalle Bauern die Waffe in der Hand und die Verzweiflung im Antlitz.An allen Hecken kauerten sie lauernd auf:Husch, husch!" aus allenGebüschen klang es:Piff, paff!", und keiner jodelte mehr. Nur derSeppli noch, weil er nichts von Krieg wußte. Den hatte der liebe30 Gott nicht erschaffen, den hatten wohl die roten Teufel ins Land ge-bracht. Warum kamen sie nur, hatten sie denn nicht eine Heimat jen-seits der Berge, und Wiesen zu mähen und Herden zu weiden, undeinen Gott? Der Pfarrer sagte, sie kämen, um ihnen Gott aus derKirche zu stehlen! Seppli lachte sich ins Fäustchen. Da hätten sie aber35 viel zu tun! Gott war ja nicht bloß in der Kirche. Seppli war ihmschon oft auf der Weide begegnet, im Nebelgewand, im schneeigenKleid, in der Sonnenglorie, als die Betzeitglocke vom Dorf heraufklang, und andächtig war er in die Knie gesunken.

Holi ho! Dia hon!" ... Er blickte ins Tal: die Bauerntruppe40 war soeben verschwunden. Von der entgegengesetzten Seite aber nah-