157
Wie. Garn habe der gestohlen, für dreißig Franken vielleicht, dazuaber unnennbaren Jammer gebracht und das Leben einer Muttergefährdet. Und jetzt müsse er, der Doktor, seine eigene Gesundheitaufs Spiel setzen, müsse halbtot sich laufen. Und das alles wissejener alte Sünder nicht einmal, frage nichts darnach, sei vielleicht 6noch reich und daheim im Ansehen. Es dünkte den Doktor, wenn ernur des alten Sünders Namen wüßte, damit er ihm die Folgenseiner Schelmentat nennen und ihm sagen könnte: „Sieh her, das istdeiner Hände Werk!"
In Schweiß gebadet, erschöpft, kam der Doktor auf dem „Schnee- 10hübest" droben an, fand die Not groß, größer, als er sie erwartethatte. An allem fehlte es, und um das einsame Häuschen standenkeine reichen Häuser, wo gute Leute wohnen, bei denen man dasFehlende allfällig holen konnte. Indessen, als der Tag dämmerte amöstlichen Horizonte, da war die arme Frau gerettet. Der Doktor 15schickte sich zum Heimweg an und hieß ein Kind mitkommen, etwasfür die Mutter zu holen. Nicht einmal den Dank wartete er ab,der ihm in Strömen nachfloß.
Es ist ein kaltes Heimgehen, nüchtern, nach durchwachter Nacht,in pfeifendem Winde, der Schnee verkündend in den Bäumen saust 20und über die Felder fährt. Ein warmes Bett und ein Tag vollSchlaf wären dem armen Doktor zu gönnen gewesen; aber so gutward es ihm nicht. Daheim warteten seiner viele Leute, die schreck-lich drängten. Der Doktor nahm sich nicht Zeit, seine Kleider zuwechseln, und manche Viertelstunde verstrich, ehe er einen Augenblick 25für sich gewann. Naß und starr waren seine Füße, und mächtigfröstelte es ihn den Rücken hinauf. Warme Strümpfe und warmerKaffee würden das schon vertreiben, dachte er, und allerdings bes-serte sich sein Befinden darauf. Dem Kinde, das er mitgebracht, luder manches auf für die Mutter und nicht bloß Arznei. Dann be- 30gann sein eigentliches Tagwerk, der Besuch der Kranken. So vielewarteten sein, so spät war es schon! Scharf mußte sein „Fuchs"laufen, und der Doktor machte seine Runde in möglichster Eile.Schlimm war der Weg, und Schneegestöber machte ihn noch schlim-mer; es war ein unheimlich Fahren. 35
Mittag war längst vorbei, als der Doktor heimkam. Wiederwarteten Leute auf Arznei, und Käthi fuhr wie ein Kobold imHause herum, weil man nie mehr essen könne wie andere Menschen.Allerdings mußte es der Doktor heute wieder wie sonst machen. DieLeute hielten ihn lange auf, und immer noch waren Kranke zu be- 40suchen, und zwar über eine Stunde weit.