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83. Nachtzug.
Bedächtigen Schrittes trat er den Rückweg an, die Dienstmützetief in die Stirn gedrückt. Die Pfeife war ihm ausgegangen. VomRofajen herunter blies der Winterföhnsturm mit Schnee auf den Vier-waldstätter See herab.
„Ist das ein Hundewetter!" knurrte er in den struppigen, ver- 5eisten Bart hinein. Er redete gern laut vor sich hin, als hielte er miteinem unsichtbaren Kameraden Zwiesprache.
Der Schein der Laterne hüpfte wie ein Irrlicht über das Bahn-geleise. Tag für Tag beging er seit Jahren dieselbe Strecke derAxenstraße, mit fast stumpfsinniger Gewohnheit. Er kannte jeden 10Markstein, jeden Felsen, jeden Baum im dunkeln Tann und versahseinen Dienst mit peinlicher, gedankenloser Genauigkeit.
Sonst war er ein blöder Geselle, der Nidwaldner Domini Selm,einsilbig und menschenscheu, zu nichts anderem zu gebrauchen, als vorseinem Bahnwärterhäuschen zu stehen mit der geschlossenen Fahne. 15wenn die Gotthardzüge vorbeirasten. Sie bildeten die lebendigenAugenblicke seines Daseins. Woher sie kamen, wohin sie gingen, undwas sie in blinder Hast mit sich trugen — was ging's ihn an? SeineBahnstrecke zwischen Sisikon und Brunnen, das war seine Welt; diemußte frei liegen. Das war der Dienst; darin gipfelte seine ganze 20Weisheit.
Er schritt über die Bahnbrücke. Der Milchbach sprang donnerndvom wilden Tobel im Voralptal. Die eisernen Bogen bebten unterdem Anprall der vom Sturm geschwellten Fluten. Der Selm beugtesich und stemmte sich gegen die Gewalt des Windes, der sich ihm wie 25ein Feind in den Weg legte. Ein fast höllischer Sturmchor erklangaus dem starrenden Teufelsmünster jenseits des hochgehenden Sees.
Er blickte sich nicht um; die Bahn lag frei, für heute war der Dienstaus. Es ging gegen Mitternacht, ihn verlangte heim nach demlangen Spießrutenlauf in dem peitschenden Unwetter. Dort, dicht 80am Bahngeleise, winkte ein flackerndes Lichtlein. Dort war Ruh-statt bei Weib und Kind. Die Kleinen schliefen wohl längst, aberdas Bethli wartete immer, bis er heimkehrte. Und war der letzteZug vorbeigesaust, so senkte sich für einige Stunden traumloser Schlafauf das Häuschen des Bahnwärters. 85
Ein Hund kläffte im nahen Bauernhof. Vom Axenberg heruntertönte ein dumpfes Rollen, wachsend, wie ein steinernes Heulen undStöhnen. Jäh hielt der Mann im Schritt inne und hob das Haupt,