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Weltgeschichte für Sekundar-, Bezirks- und Realschulen in methodischer Anordnung / von Rudolf Luginbühl
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XIV. Karl der Große. 768 -814.

Reiches noch viel größer. Unendlich schwer hielt es, alle die verschiedenenVolksstämme unter einen Herrscherwillen zn zwängen. Karl teilte seinReich in eine große Zahl kleinerer Bezirke oder Gane ein, über die erGrafen setzte. Diese ließ er durch Sendboten oder Sendgrafen beauf-sichtigen, die zu zweien, nämlich je einer vom weltlichen und einer vomgeistlichen Stande, alljährlich viermal die Gaue bereisten. Sie erstattetenauf der Neichsversammlung, dem sogenannten Maiseld, Bericht. Die Be-schlüsse dieser Versammlung wurden, sobald sie Karl bestätigte, zu Ge-setzen und hießen Kapitularien. Sie bildeten das wichtigste Gesetzbuch derGermanen. Den Markgrafen war die Beschützung der Grenzen oderMarken anvertraut, während der Pfalzgraf den König im höchsten Ge-richt vertrat. d) Da die Religion Karl Herzenssache war, so dranger sehr auf die Reinheit der Kirche. Die Geistlichen mußten ihren Ver-gnügen, Jagden rc. entsagen, hingegen hatten die Hähern von ihnen An-teil an den Staatsgeschäften und besaßen wie die Gau- und MarkgrafenSitz und Stimme in der Reichsversammlung. Er befahl, der Kirche denZehnten zu geben, was vorher nur vereinzelt geschehen war; er entrichteteihn auch von seinen eigenen Gütern. e) Zur Hebung des Kirchen-gesangs gründete er Singschulen und ließ Orgeln und Gesanglehrer ausItalien kommen; denn die Deutschen brüllten damals entsetzlich.Großan Leib, wie Berge," sagte ein Zeitgenosse von ihnen,donnert ihreStimme brausend daher; mit Gerassel stoßen sie die Töne heraus, fastwie ein Lastwagen der über einen Knitteldamm rollt, so daß Ohr undGefühl, statt sanft bewegt, erschreckt und erschüttert werden."

4. Krbdirrrgswessn. a) Für die Bildung seines Volkeswar Karl unablässig thätig. Überall gründete er Schulen, in denen dieKinder im Lesen, Schreiben und in der christlichen Lehre unterrichtetwurden. In Aachen gründete er eine Hofschule, in die Hohe und Niedereihre Söhne schicken mußten und an der die berühmtesten Lehrer wirkten.Nicht selten nahm er selbst Prüfungen vor. Karl befahl den Geistlichen,jeden seiner Unterthanen das Vaterunser und das Glaubensbekenntnisauswendig lernen zu lassen; auch sollten sie in der Muttersprache pre-digen. Er ließ die altdeutschen Volks- und Heldenlieder sammeln;leider ging diese Sammlung verloren. Über seine Muttersprache legte erselbst eine Grammatik an. Von italienischen Baumeistern ließ er inAachen und an andern Orten, wo er sich selbst oft aufhielt, da er keineResidenz hatte, schöne Pfalzen oder Schlösser, überdies im erstem Orteauch einen Dom bauen. d) Durch Erstellung von Brücken, Straßenund Kanälen förderte er den Handel. Noch mehr aber that er für dieLandwirtschaft; er selbst war ein kundiger Landwirt und ließ aufseinen vielen Gütern Musterhöfe errichten. Noch ist eine Anweisung vor-handen, worin er in 70 Kapiteln die genaueste Vorschrift über die Zuchtder Haustiere und Bienen, über die Bereitung des Weines und Bieres,über den Ackerbau rc. giebt. Von den Schaffnern seiner Güter verlangte er