72 XXII. Mittelalterliche Zustünde.
war taxiert. Wer einem andern z. B. den kleinen Finger zerschlug, hatteso und so viel zu zahlen; dabei kam es sehr darauf an, wem der kleineFinger gehörte. Besonders einträglich war die hohe Gerichtsbarkeit, dieim deutschen Reich der Kaiser beanspruchte; denn Hab und Gut des Ver-urteilten verfielen dem Inhaber der hohen Gerichtsbarkeit. — cl> Diefeudalen Lasten drückten den Bauer deswegen so sehr, weil der Herr ihmkeine Gegenleistung bot. Brach der Feind ins Land, so mußte der Hörigesich bewaffnen, sein Leben aufs Spiel setzen, seine Felder verwüsten undseine Hütte verbrennen lassen, während sich der Herr innert der festenMauern seiner Burg sicher fühlte. Wenn der Bauer gegen den Herrnselbst zu klagen hatte, dann war dieser Angeklagter und Richter zugleich;auf einen höhern Richter durfte er sich nicht berufen.
3. Die Kivci^e. — 8,) Gegenüber den Nichtgeistlichen oderLaien bildeten die Kirchendiener einen eigenen Stand, den Klerus, der miteigenen Gütern und eigener Gerichtsbarkeit ausgestattet wurde. Vielesuchten als Mönche oder Nonnen in stiller Abgeschiedenheit ein Gott ge-weihtes Dasein zu führen. Benedikt von Nursia stiftete 529 denersten größern, nach ihm benannten Mönchsorden. Die Mönche ver-breiteten nicht nur religiöses Leben und lehrten meist unter vielen Ge-fahren die Heiden das Christentum, sondern sie gewöhnten dieselben anden Ackerbau und unterrichteten sie im Handwerk. Auch Künste undWissenschaften fanden innert den Klostermauern sorgfältige Pflege, nament-lich in St. Gallen und Fnlda. Ja die Klöster bildeten nach dem Zer-fall des Römerreichs die einzige Pflanzstätte der Kultur und bewahrtendie Welt vor einem gänzlichen Zurücksinken ins Barbarentum. — I») Alssie aber zu Reichtum gelangten, erlahmte ihre Kraft; Entbehrung wichdem Genuß, die Thätigkeit dem Müßiggang, die Bildung der Unwissen-heit, wodurch die drei Mönchsgelübde der Keuschheit, Armut und des Ge-horsams oft gebrochen wurden. Dies ging frommen Männern sehr zuHerzen. Sie suchten durch Gründung neuer Orden die frühere Zuchtwieder herzustellen.
4. Stcrdte. — ich Lange waren die Klöster und SchlösserSitze der feinen und edlern Lebensformen, der Künste und Wissenschaften.Als aber die erstem zu Lasterstätten, die letztem zu Räuberhöhlen aus-arteten, flüchtete sich die Kultur in die Städte, machte diese zu Trägernder Bildung und zu Pflegestütten der Künste und Wissenschaften. Diemeisten Städte erhoben sich an Flüssen und Meeren. Ihre hölzernenHäuser wurden allmählich durch steinerne ersetzt. Keine schützende Brand-mauer trennte die einzelnen Häuser einer Reihe von einander. In derFront waren sie mit überragenden Giebeln und Erkern eng zusammen-gebaut, so daß man vor den schmalen, winkeligen, meist nngepflastertenStraßen kaum den Himmel sah. Auf diese Weise mußte man nicht all-zulange Gräben und Ringmauern erstellen, konnte auch die Stadt leichter