XXXIII. Friedrich dcr Große. 174»—1786. 12i>
Wesen überhaupt allzusehr; denn viele hundert Franzosen ließ er alsStenerbeamte nach Preußen kommen. — 6) Gegen Adelige war derKönig, später schlechthin „der alte Fritz" genannt, kurz und zurückhaltend, gegendas Volk aber herablassend freundlich. Jedes Jahr bereiste er einenTeil seines Reiches; dabei hieß er die Beamten neben sich Herreiten, damitsie ihm über alles Gewünschte Auskunft geben. — 1) In Schlesien drängtesich einst ein Mütterlein dicht an seinen Wagen. „Mütterchen, was willstTu?" fragte der König. „Nur Sie sehen und weiter nichts," war dietreuherzige Antwort. Da zog der König einige Goldstücke aus der Tascheund gab sie ihm mit den Worten: „Liebe Mutter, auf diesen Dingernkönnt ihr mich ansehen, so lang und so oft ihr wollt; aber jetzt habeich keine Zeit mehr, mich länger ansehen zu lassen." — zp) Er liebtestets Scherz und witzige Einfälle; auch hat er manchen mit trefflicher,schlagender Antwort abgefertigt. Eine große Zahl von Anekdoten undSpäßen werden noch heute über ihn bei seinem Volke erzählt. Als ereinst in Spandan die Strafanstalt inspizierte und die einzelnen über ihrVergehen befragte, beteuerten alle, ganz schuldlos zu sein. Nur einer gestand,er sei ein arger Verbrecher und verdiene seine Strafe. Da rief Fritz: „Waswillst Du, elender Kerl, unter diesen braven Leuten? Packe Dich hinaus!" —Ii) Friedrich der Große starb am 17. August 1786 und wurde vonseinem Volke tief betrauert. Sein Nachfolger war Friedrich Wilhelm II.(1786—1797), dem Friedrich Wilhelm III. (1797—1840) folgte.
Joseph II. 1780—1790. - a.) So lange Maria Theresia lebte, hatte ihr
Sohn und Mitrcgent Joseph II. wenig Einfluß auf die Regierung. Als sie starb,war er bestrebt, seine vielen schon lange gehegten Verbcsserungspläne auszuführen.Im Jahre 1781 erließ er das berühmte Toleranzedikt, nach welchem er denNichtkatholiken in seinem Reiche gleiche Rechte einräumte wie den Katholiken. Keinersollte seines Glaubens wegen in irgend einem Rechte verkürzt werden. Von denca. 2000 Klöstern seines Reiches hob er gegen 700 auf und ließ nur diejenigenbestehen, die sich der Krankenpflege oder der Erziehung widmeten. Die Güter dcraufgehobenen Klöster verwendete er zu Kirchen- und zn BildnngSzweckcn. Die Messemußte in dcr Landessprache gelesen werden. Die Wallfahrten wurden untersagt. —b) Joseph II. hob auch die Leibeigenschaft auf. Jeder durfte sich niederlassenund ein Gewerbe treiben, wo er wollte. Ein Gesetz vom Jahre 1789 bestimmte,daß wenigstens 70 Prozent des Grnndcrtrags dem Bauern frei bleiben sollten. Alledie verschiedenen Staaten, aus denen sein Reich bestand, sollten in einen Staat ver-schmolzen werden, in dem nur eine Sprache, nämlich die deutsche, und ein Gesetzherrschen sollte. Wie sehr er den Bauernstand achtete, bewies er einst auf einerReise durch Mähren, indem er den Pflug eines Bauern ergriff und damit eine Zeitlang ackerte. — v) Doch seine wohlgemeinten Reformen führte er nicht nach ein-gehender Beratung mit andern, etwa mit dem Ratskollegium, sondern lediglich vonsich selbst aus und in übereilter Hast durch. Natürlich bereitete er sich dadurch sehrviele Feinde, welche dieselben vereitelten. Auch in der äußeren Politik war erunglücklich, da sei» Plan, das entfernte Belgien gegen Bayern auszutauschen, durchFriedrich den Großen zu nichte gemacht wurde. Von der Unhaltbarkeit der ein-geführten Reformen schon bei Lebzeiten überzeugt, äußerte er noch kurz vor seinemTode, man möge auf sein Grab schreiben: „Hier ruht ein Fürst, dessen Absichtenrein waren, der aber das Unglück hatte, alle seine Entwürfe scheitern zu sehen."Immerhin hatten seine mißlungenen Versuche die Wirkung, daß sie Österreich eineRevolution ersparten.