142 XXXV'. Die französische Revolution. 1789—1799.
9. Ka;ai?e Gcrvrrot. — ri) In dieser furchtbaren Not erließder Konvent ein Massenaufgebot. In kurzer Zeit entstanden 14 Armeen.Jetzt galt es, sie zn organisieren. Da begann die Arbeit des uneigen-nützigsten aller Revolntionsmänner, des aufrichtigsten aller Republikaner,nämlich LazareCarnots. Er organisierte die Heere, indem er ihnentüchtige Führer gab, für Proviant, Kleidung und Munition sorgte unddie Feldzugspläne entwarf. Die Korrespondenz mit den Generalen dereinzelnen Armeen führte er meist selbst. Er brach mit der alten Taktik,d. i. Kriegsführung der Franzosen, bestehend in langsamen, pedantisch-planmäßigen Bewegungen und erstrebte eine große Beweglichkeit, Kon-zentriernngsfähigkeit der einzelnen Truppenteile und beständige Offensive,als dem französischen Charakter besser entsprechend. — An der belgischenGrenze hielt sich am besten von allen französischen Festungen nur nochMaubeuge, chie indes von großer Übermacht eingeschlossen war. Fiel sie,so war der Weg nach Paris offen. — b) Carnot eilte selbst nach Mau-beuge, entwarf den Angriffsplan auf die vorteilhafte Stellung der Öster-reicher bei dem hochgelegenen Dorfe Wattig nies, ergriff das Gewehreines Grenadiers und führte seine Truppen unter dem heftigsten Kugel-regen und den gewaltigsten Kavallerie-Attaken gegen den Feind. SeinBeispiel gab den Soldaten solchen Mut, daß sie ihren Gegner durcheinen Bajonettangriff aus seinen Verschanzungen trieben und Maubeugeentsetzten. Frankreich war vorläufig gerettet. Gewiß mit vollem Rechtkonnte Napoleon später sagen: „Der Sieg bei Wattignies ist der schönsteder ganzen Revolution." — Wenige Tage darauf saß Carnot wieder anseinem Arbeitstisch in Paris. Kein einziger seiner Kollegen und Sekretäreerfuhr, was er Großes bei Maubeuge vollbracht hatte. — e) Carnot undseine Generale vertrieben die fremden Heere von der französischen Grenze.Nicht nur wurde Belgien wieder erobert, sondern sogar Holland unter-worfen und zur batavischen Republik umgeschaffen. — Preußen,Sachsen, Hannover und Hessen-Kassel schloffen 1795 mit Frankreich denFrieden von Basel.
10. Srisveürettsliewlüiaft. — u) Robespierre und seineGenossen sorgten indes für Ruhe im Innern Frankreichs in ihrem Sinne.Ihr Schreckensregiment stellte selbst das eines Nero in den Schatten.Man berechnet, daß über diese Zeit etwa 150,000 Franzosen als Flücht-linge im Auslande'weilten, daß etwa 400,000 in den Kerkern schmachtetenund wohl eine Million guillotiniert, erschossen, ertränkt u. s. w. wurde, inden Departemeuten des Westens allein eine halbe Million. Auch Kinder,sogar Säuglinge, Greise und Weiber wurden erbarmungslos hingeschlachtet.Ein mißbilligendes Wort, eine unbedeutende Handlung konnte den Todbringen. In Lyon wurden 60 Frauen getötet, weil sie den Gottesdiensteines unbeeidigten Priesters besucht hatten. Eine Frau wurde guillotiniert,weil sie ihrem blinden und tauben alten Manne die Börse mit den könig-lichen Abzeichen nicht weggenommen hatte. Dazu kamen noch unzählbare