XI^II. Gründling des Königreichs Italien. 1859—1860. 183
freunde richteten sich ununterbrochen nach Piemont, dessen König ViktorEmanuel II. nicht wie die andern Fürsten reaktionär, sondern liberalgesinnt war und viele Verbesserungen anstrebte. Er wußte auch denrichtigen Mann zu finden, der sich zur Lebensaufgabe machte, Italien zueinigen. Es war dies Camillo di Cavour, der 1810 in Turin ge-boren worden war und aus altadeligein Geschlechte stammte. Er leitetedas Ministerium und führte Italien durch die Teilnahme am Krimkriegin das europäische Völkerkvnzert ein. Cavour sah wohl ein, daß Sardinien-Piemont nicht imstande sein werde, das mächtige Österreich aus Italien hin-auszuwerfen; darum schaute er sich nach Verbündeten um.— 6) Napoleon III.,der früher in den Reihen der italienischen Patrioten gefochten, schien ihmder von der Natur gegebene Verbündete zu sein. Da er indes schon bei-nahe 10 Jahre am französischen Staatsrnder saß, ohne etwas für Italiengethan zu haben, hielten ihn seine früheren Gesinnungs- und Kampf-genossen für einen Verräter. Der italienische Graf Orsini faßte denPlan, ihn seiner Treulosigkeit wegen zu ermorden; er warf in Paris eineBombe nach der kaiserlichen Karosse, die vielen, doch nicht dein Kaiser,das Leben kostete. Vvm Gefängnis aus bat ihn Orsini, sich Italiensanzunehmen. — <I) Wenn Napoleon III. vor solchen Altentaten sichersein wollte, so mußte er sich entschließen, etwas zu thun. Er hielt mitCavour eine geheime Unterredung und vereinbarte mit ihm einen Vertrag.Gegen die Abtretung von Savoyen und Nizza versprach der französischeKaiser bewaffnete Hilfe gegen Österreich. Der Vertrag blieb noch geheim.Erst am Nenjahrstag 1859 lüftete Napoleon den Schleier, indem er dieWorte znm Gesandten Österreichs sprach: „Ich bedaure sehr, daß unsereBeziehungen zu Ihrer Regierung nicht mehr so gut sind wie früher; ichbitte Sie aber, dem Kaiser zu sagen, daß meine persönlichen Gefühle fürihn immer dieselben sind."
2. Der? Kvieg i. I. 1859. — ri) Das beim Nenjahrsempsanggesprochene Wort des französischen Kaisers überraschte ganz Europa undrief in Italien eine ungeheure Aufregung hervor. Die Stunde der Be-freiung vom fremden Joch schien gekommen. Hunderte von Freiwilligenströmten nach Piemont. Auch Garibaldi kam herbei und stellte sich demKönig Viktor Emanuel II. zur Verfügung. Die allgemeine Begeisterungfand namentlich in Liedern beredten Ausdruck. Wohl wurden von ver-schiedenen Seiten Schritte gethan, um den Ausbruch des Krieges zu ver-hindern; doch blieben sie erfolglos. — d) Das französisch sardinische Heerzahlte 200,000 Mann, wovon zwei Drittel Franzosen unter Napoleon III.und ein Drittel Piemontesen unter Viktor Emanuel II. Die Österreicherstellten diesen Truppenmassen 220,000 Miaun unter dem unfähigen Giulayentgegen. So kriegstüchtig auch die österreichischen Soldaten waren, somangelhaft war ihre Leitung; denn jeder General handelte nach seinemGutdünken. Statt sogleich vorzurücken und das kleine piemontesische Heernoch vor der Ankunft Napoleons zu schlagen, wartete Giulay drei kost-