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Funfzehn Ansichten der neuen St. Gotthards-Strasse vom St. Gotthard-Hospiz bis Lugano / nach der Natur gezeichnet und geätzt von Joseph Meinrad Kälin, Jakob Suter; nebst einer Beschreibung von Herrn Karl Franz Lusser
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wiederhohlen; wülhcnd schäuml und drängt sich der Tessin über die rauhen Felsentriimmer hinab, und befeuchtet mit seinemWasserstaube die schroffen Felsenufer und die längs denselben erbaute Strasse, die y.weymal mittelst schöner Brüchen dentobenden Strom überspringt. Bcy der zweyten dieser Brüchen herrscht die grösste Wildheit; fürchterliche Felsenblohe scheinenden Tessin in seinem schnellen Laufe aufhallen zu wollen; dieser gleichsam darüber empört, sprudelt und tobt entsetzlich, undstürzt in Schaum zerschossen der Strasse entlang gegen Giornico (Jrnis) hinab, wo ehedem die alte Strasse unter dem NamenJrniserslalden fast scnhrecht dem brausenden Elemente nach hinab lief. Diess ist die letzte wilde Gegend der Gollhardsstrassegegen Süden. Zu beyden Seiten dieser Kluft liegen von der Strasse nicht sichtbar auf Terrassen, schöne Wiesen und Achergelände, besätmit ansehnlichen Dörfern, als Calonico, Anzonico , Cavagnago , Chironico u. s. w. Da Faido zwar nicht wegen seiner Grösse, sondernvorzüglich wegen seiner Lage in Mitte des Livinerlhals dessen Ilauplort ist, so wird es nicht unpassend seyn, hier über dasselbeeinige allgemeine Bemerhungen folgen zu lassen. Das Livincrthal, welches die Gollhardsstrasse seiner Länge nach vom Gotthard bis zur Biascabriicke acht Stunden lang dem Laufe des Tessins folgend, durchzieht, hat seinen Ursprung eigentlich ein paarStunden weiter westlich an der an Wallis grenzenden Nufl'enen. Das Livincrthal grenzt somit nordwärts von der Nuflcnen biszum Sella an die Golthardskelte , eine zusammenhängende Reihe hoher, mit ewigem Eise bekrönter Gebirge, von diesem bis zumLukmanicr an eben solche, die das Thal ostwärts von dem biindtnerischen Medelserlhal trennen, südöstlich vom Lukmanier bishinab auf Biasca mittelst einer zusammenhängenden, weniger winterlichen Bergkette, an das Tessinischc Blegniolhal. Südlich andie Riviera, und westlich thcils an die tessinischen Thäler Verzasca, Lavizzara und Maggia , an das Piemontesischc Formazzalhalund an einen kleinen Theil von Oberwallis, von welchen allen die Levenlina durch eine hohe zusammenhängende Kette getrenntist. Dieselbe bildet also ein langes, von hohen steilen Gebirgen begrenztes Thal, welches ausser bey Airolo nirgends im Grundeüber eine Viertelstunde breit ist, und in welches sich eine Menge kleine Seilenthäler und Schluchten ausmünden , die grossenlhcilsdem Tessin kleine Bäche zuführen. Das Livincrthal zerfällt durch natürliche Grenzen in drey Theile, die Terrassenartigübereinander liegen, in Ober-, Mittel- und Unlerlivinen. Ersleres erstreckt sich vom St. Gotthard und der Nuflcnen bis zumSchlunde al Dazio. In dem fruchtbaren Boden dieses Theils ist seiner hohen Lage wegen kein Obstbaum, und nur wenig Getreide