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Meine Mutter willigte gern in die wiederholten Bitten des Ehren-mannes, mich ihm als Kind zu überlassen, und um der scclcnkrankenFrau sogleich die Heilung zu überbringen, wurde ich am selben Tageder Zusage aus der Stadt an den neuen Bestimmungsort (ein mehrereStunden entferntes Landgut) spedirt. Es war ein schneidend kalter De-zember-Nachmittag. Ich wurde deshalb in einen Pclzsack gesteckt, dieserwurde mir unterm Halse zugebunden, eine weiße Schlaf- und Pudelmützeüber die Ohren gezogen, und so wurde ich im Schlitten der neuen Hei-math zugeführt. Die Mutter und vier Töchter, die jüngste mit mir fastin gleichem Alter, empfingen mich hier mit Herzlichkeit und machten michsehr bald die angestammte vergessen.
Mein Pflegevater war lange Jahre Offizier in der preußischen Armeegewesen, und hatte noch Friedrich dein Großen gedient. Er hcirathctc spä-ter die einzige Tochter seines Obersten v. E., welcher zu den Helden
und Lieblingen des großen Königs gerechnet werden konnte. Noch er-innere ich mich meines kindischen Erstaunens, als ich hörte, der Oberstvon E. habe wegen starker Kopfwunden stets eine silberne Hirnschalegetragen.
In meines Pflegevaters Leben, Sprach- und Handlungsweise lag,obgleich er längst schon den Abschied genommen, niilitairischer Ernst undKraft; jedes Wort imponirte daher meinem jugendlichen Gemüthe. Diealten Ahncnbilder im Spciscsaale prangten in prächtigen Uniformen, undjunge glänzende Cuirassier-Offiziere aus dem nahen Garnisonstädtchenbesuchten fleißig unser gastfreies Haus. So wirkten Traditionen allerArt dahin, mich meiner Bestimmung, Soldat zu werden, möglichst balvin die Arme zu führen.
Von der Natur schien ich jedoch dazu wenig berufen zu sein. Wennauch gesund und stark gebaut, war ich dennoch träge und sehr furcht-sam. Aus Mangel an Bewegung blieb ich im Wachsthum gänzlich zu-rück, und es galt manchen harten Strauß und manche Strafe, ehe ichmich im Dunkeln auf den Hof oder in den Garten wagte. Doch wardiese Zaghaftigkeit mehr im natürlichen Instinkte, als in feigherziger Un-entschlosscnhcit begründet.
Jeder auf dem Lande erzogene Knabe dünkt sich nur für den Kaval-