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leriedienst geboren zu sein. So auch ich. Aber meine ersten Erploitsin den sogenannten ritterlichen Uebungen mißlangen gänzlich. Sobaldmein Pferd den Trab begann, rutschte ich auf der Seite herunter unddas Wiederaufsteigen glich einer Herkulesarbeit. Der Tanzmeister hattenur eine stereotype Censur für mich: „Leicht, wie ein bleierner Vogel",und im Laufen, Springen, Klettern rc. fand ich in meinen Schwesternstets unerreichbare Vorbilder.
Musik war von jeher meinen Ohren ein Zauber, welcher unmittel-bar zum Herzen drang; aber die Anlage zur Ausübung dieser Kunst(beneidenswertstes Erbtheil aller meiner Geschwister) blieb mir auf immervorenthalten. Bis in die spätesten Jahre habe ich nur schwer beimTanze oder beim Parademarsch den gehörigen Takt auffassen können.Mit dem Munde pfiff ich meist falsche Töne; auf dem Klaviere meinerSchwestern klimperte ich nur auf unrichtigen Tasten, und nahm ich ver-stohlener Weise des Hofmeisters Violine zur Hand, so wurde selbst dertreue „ Haltfcst", ein riesenhafter Bullenbeißer, (gewöhnlich mein gedul-digster Gesellschafter,) jetzt der heulende Vcrräthcr.
Lebhaft stehen noch die Folgen des ersten Versuches, durch Melodiendas Erwachen des zartesten Gefühls, der jugendlichen Liebe, zu feiern,vor meiner innern Beschallung. Eine junge schöne Tante sollte unsbesuchen. Alles sprach von ihr und rühmte ihren hohen Liebreiz. Inmeinen kindlichen Träumereien, wachend oder schlafend, sah ich sie dahernur als blendende Fee; denn diese sind ja immer die weiblichen Heroenunserer Kinderzeit. Auf dem Jahrmärkte im Städtchen wurde eine Schal-mei gekauft, und stundenlang kauerte ich auf dem harten Rohrstuhle amFenster, präludirte unausgesetzt die allereinfachste Melodie und sah sehn-suchtsvoll auf das große Hosthor, wenn es sich öffnen, meine Fee ein-fahren, und ich sie dann zuerst mit solchen entzückenden Tönen begrüßenwürde. Hofmeister, Gouvernante und meine Schwestern klagten jedochüber Störung in den Lehrftunden, und der Bediente darüber: „daß Jun-ker Wilhelm seine Höschen und das Rohr durchkniee." Strenges Verbot,ja sogar Strafe von der Mutter erging deshalb an mich; aber ich prä-ludirte fort. In der Ekstase verlor ich jedoch einmal das Gleichgewicht,fiel vom hohen Schemel, den ich statt des Rohrftuhles bestiegen hatte,