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1 (1846) Befreiungskrieg von 1813, 1814 und 1815 / von Wilhelm von Rahden
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jenen Gegenden häufig antrifft. Ich steckte selbstzufrieden die Waffe indie Scheide, beflügelte meine Schritte, und in 10 Minuten lag ich in denArmen meiner harrenden Geschwister.

Am andern Morgen frühe plünderte ich in der guten Tante GartenErdbeer-, Christ- und Johannisbeerfträuche. Auch bestieg ich den hohenKirschbaum und schwelgte im Genusse der würzigen Früchte. Da ruftmeine Schwester und reicht mir schweigend ein Zeitungsblatt zum Baumeempor. Bald wäre ich von Schmerz betäubt Hinuntergefallen; denn dieNachricht von meines Pflegevaters Tode traf mich unerwartet, wie einDonnerschlag aus heiterm Himmel: er hatte sich in edler Nichtbeachtungseiner selbst, als Retter bedrängter Unterthanen, geopfert.

Sein Gut lag an der Oder, deren Wasser, wie oftmals, auch imFrühjahr 1809 die Umgegend weit, weit überschwemmte. Die armenBauersleute in ihren kleinen schutzlosen Hütten schrieen um Erbarmen,um Hülfe. Solcher Ruf drang aber immer zum tiefen, gefühlvollenGemüth meines edlen Pflegevaters. Dort fand er das Echo, aber auchdie hohe Manneskraft und unerschütterlichen Willen. Mit starken Ar-men hatte er schon Viele, Jung und Alt, den Fluchen entzogen; aberdort schwimmt noch eine Wiege mitten im reißenden Strome, hier stehtdie verzweifelnde Mutter, händeringend um Rettung ihres geliebten Säug-lings flehend. Der Edle übergiebt sich noch einmal im schmalen unsi-cher» Kahne den Wellen; ihm folgt ein riesiger Bullenbeißer, mein ehe-maliger Jugendfreund, jetzt des Herrn Schutz und Wächter. Schonnaht das rettende Boot da schlagen die schäumenden Wogen hochüber Vater und Kind zusammen. Sie sinken in die Tiefen; der treue Haltfeft" springt ihnen nach. Man hat sie alle Drei nur als Lei-chen wiedergefunden!

Dies die erste herbe Erfahrung meines Lebens; sie bezeichnet alsGrenzmarke das Gebiet glücklicher unbefangener Jugendzeit. Dieseliegt nun weit, weit hinter mir!