78 Zustände und Gesinnungen in England. 1. Buch.
schwankenden Politik Jakobs I. müde und erwartete unter einen König,den es wirklich achten konnte, glücklich und frei zu werden.
Karl und die Engländer wußten aber nicht. in welchem Maße sieeinander schon fremd waren und welche schon seit lange wirkende undtäglich mächtiger werdende Ursachen sie bald außer Stand setzen würden,sich zu verstehen und zu einigen.
Um diese Zeit waren zwei Revolutionen, eine sichtbare und selbstauffallende, und eine innere unbemerkte, aber deshalb um nichts weni-ger gewisse, im Gange. Die erste in dem europäischen Königthume,die zweite in dem bürgerlichen Zustande und den Sitten des englischenVolkes.
Es war die Zeit, wo das Königthum auf dem Festlande von sei-nen frühern Hemmnissen befreit, überall fast unumschränkt wurde. InFrankreich, Spanien und den meisten Staaten des deutschen Reicheshatte es die Lehns-Aristvkratie unterworfen und hörte, da es die Ge-meinen nicht mehr andern Feinden entgegen zu stellen brauchte, auf, dieRechte derselben zu beschützen. Der hohe Adel drängte sich, als ob erselbst das Gefühl seiner Niederlage verloren und säst stolz aus den Glanzseines Besiegcrs, um die Throne. Die zerstreut wohnende und nochschüchterne Bürgerschaft erfreute sich der eintretenden Ordnung und ei-nes bisher unbekannten Wohlseins, bemühte sich, sich zu bereichern undaufzuklären, machte aber noch keinen Anspruch aus Theilnahme an der-Staatsverwaltung. Uebcrall wurde das Uebergewicht der Fürstenmachtdurch den Glanz der Höfe, die Schnelligkeit des Rechtsganges, dieAusdehnung und Regelmäßigkeit der Kriege verkündet. Die Grund-sätze des göttlichen Rechtes und der Souveränetät der Könige herrschtenallgemein und wurden selbst da, wo man sie nickt anerkannte, nurschwach bekämpft. Kurz, die Fortschritte der Civilisation, der Wissen-schaften und Künste, des Friedens und der innern Wohlfahrt, welchediesen Triumph der reinen Monarchie verschönerten, flößten den Fürstenein übermüthiges Selbstvertrauen, den Völkern eine bewundernde Nach-giebigkeit ein.
Das englische Königthum war dieser europäischen Bewegung nichtfremd geblieben. Es hatte seit den Tudors aufgehört, die stolzen Ba-rone, die, zu schwach, um einzeln gegen ihren König anzukämpfen, einstdurch Koalitionen gewußt bald ihre Rechte zu behaupten, bald gewaltsameinen Antheil an der Ausübung der königlichen Macht zu erringen, zuGegnern zu haben. Die so lange unbesiegbar gebliebeneAristokratie un-terwarf sich, durch ihre eigenen Uebergriffe und besonders durch die Kriegeder beiden Rosen, geschwächt und herabgekommen ohne Widerstand, sowohlder hochmüthigen Tyrannei Heinrich VIII., wie später der gewandten Re-