II
Ausübung nach allen Richtungen hin zu entfalten, und wie dann in einem oderdem andern Kunstfache nicht durch practische Beispiele gewirkt werden kann,so treten die Lehre und das theoretische Beispiel in ihre vollen Rechte ein. DieseRücksichten nun bestimmten das königlich bayerische Staats-Ministerium desInnern, bei welchem mir die obere Leitung des Bauwesens oblag, schon vor meh-reren Jahren, nach dem Beispiele anderer Staaten r zunächst für den Gebrauchder Regierungs - Behörden, sowie für die Bauverständigen und Baulustigen, eineSammlung von Bauplänen zu veranstalten, welche theils für die gebräuchlich-sten Arten von Gebäuden als Beispiele dienen sollten, theils geeignet wären, denallgemeinen festen Begriff architectonischer Regel und Form auch in Bayern auszubreiten.
Ich erhielt mithin den Auftrag, ein solches Merk über den Kirchenbau zubearbeiten, um davon zuförderst mehrere hundert Exemplare unentgeltlich an dieverschiedenen geistlichen und weltlichen Behörden des Reiches vertheilen zu können.
Den Gesichtspunkt aber festzuslellen, von woraus diese Arbeit, und auchdas Einzelne der Anordnung und Eintheilang desselben betrachtet und beurtheiltwerden mufs, halte ich für das erste Erfordernijs.
Im Allgemeinen genommen, theilt sich der ganze Umfang der eigentlichenArchitektur als Dienerin der Religion, des Staatsvereines und, der Gesellschaftim höheren Sinne des Worts, und, besonders in so fern sie wie gesagt von denMachthabern des gemeinen Wesens und der Staaten ausgeht, in zwei Haupi-theile: nämlich den liturgischen und den städtischen. Was die ökonomischeBaukunst anbelangt, so glaube ich, trotz der hohen Wichtigkeit, welche manihr in jeder andern Hinsicht zugestehen mufs, sie doch hier, wo es um architek-tonische Schönheit und Form im hohem Sinne des Worts sich handelt, übergehenzu müssen.
Es ist aber durch die Geschichte edler Zeiten bewährt, dafs was in derplastischen Kunst, besonders aber in der Architektur für religiöse oder vielmehrgottesdienstliche Zwecke geschieht, den Vorrang vor edlem Anderen hat, und,kräftiger als edles Andere in das innere Leben der Völker und ihre Kunstbildungeingreift. Dieses ist so gewifs, dafs mein ohne Scheu behaupten kann, dafs wokein äusserlieber Gottesdienst ist, und wo dieser keine feste Gestaltung hat, nieirgend eine Kunst zur Bliitlie gelangen kann.
Es mufs edso auch ein jedes Streben in der Kunst, und mithin auch einejede architektonische Lehre mit dem religiösen oder liturgischen Theile beginnen,und aus diesem erst werden sich die anderen Zweige derselben folgerecht undbefriedigend entwickeln lassen. Nach einer Zeit über dem, wo politische und mi-litärische Revolutionen die physischen und moralischen Kräfte der Europäischen Staaten ganz in Anspruch nahmen und erschöpften, und wo mithin die Sorgedes Gottesdienstes dem Drange des Augenblickes weichen mujst.e, ist es zu hoffen,dafs jetzt eine schönere Epoche ein Ir eien wird, um die erschütterten Säulen derchristlichen Kirche wieder zu festigen, um bei voller Freiheit des Gewissens,