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Anweisung zur Architectur des christlichen Cultus / von L. von Klenze
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und bis zum zwölften Jahrhunderte etwa, wo Rom , wie zuerst durch Waffen und Gesetze, zum zweitenMale durch Lehren und Meinungen die Weltherrscherin ward, in den Abendländern fast allgemeinmehr oder weniger das Schema der byzantinischen Kirchen, mit, jedoch oft auch ohne Kuppeln undgewölbte Decken befolgt.

Eine grosse Menge Kirchen jener Zeit sind Vorbilder und Nachahmungen dieser byzantinischenKuppel- und Pfeiler-Kirchen, wie wir sie im Gegensätze mit den römischen Basiliken, den Säulen-Kirchen, nennen müssen. Anfangs scheinen auch bei diesen Gebäuden keine Thürme in Anwendung ge-bracht worden zu seyn, wohl aber treten später diese Hochbauten zuweilen in unmittelbare und gleichsamorganische Verbindung damit, obwohl die Kuppeln stets ein charakteristischer Theil ihrer äusseren Ge-staltung blieben. Trotz dem hätte man, wie schon gesagt Unrecht, diese Kappeln allein als charakteristi-sches Merkmal der byzantinischen Bauart bezeichnen zu wollen, während viele anderweitige Kennzeichenderselben ankleben. Halbzirkelförmige Gewölbe, Anwendung zusammengetragener Ruinentheile antikerGebäude, schlechte Ausführung und Zusammensetzung, kleine Fenster ohne Malereien, scheinbar be-engter innerer Raum, ein verworrenes, jedoch oft malerisches Aeusseres, flache Pilaster ohne Knaufoben in Verbindung mit Gesimsen tretend, welche aus Konsolen und kleinen Bögen gebildet sind,und lange Reihen von Arkaden - Oeffnungen und Fenstern durch Säulen und Säulchen getrennt, sinddie Haupteigenthümlichkeiten, welche den Baustyl dieser Kirchen bezeichnen. Nur eine gewisse Er-innerung an die herrliche Antike, ihre architektonische Consequenz, Formen und Massen, worausdiese architektonischen Missgeburten unmittelbar hervorgingen, und welche aus dem trüben Dunkelderselben zuweilen hervorblickt5 nur diese kann das gebildete Gefühl befestigen, um nicht selbst diewie gesagt zuweilen malerischen Räume und Massen derselben, ja sogar einige glücklich und im Sinneantiker Zweckmässigkeit erfundene Einzelnheiten der Form und Konstruction zu misskennen, und inein allgemeines Verdammungsurtheil zu begreifen. Ja man kann es als einen der stärksten Beweiseder unverwüstlichen Herrlichkeit antiker Architektur anführen, dass schon die schwachen Spurenderselben, welche dieser byzantinischen Bauart noch eigen sind, hinreichen, sie gewissermassen zueiner architektonischen Palingenesie geeignet, und es möglich machen bis zu einem gewissenGrade antike Consequenz in die Anordnung so wirrer Formen zu bringen. Obwohl aber diesem Zu-geständnisse auch noch die Berücksichtigung hinzugefügt werden kann, dass sich an dieses byzantinischeKirchen-Schema später wirklich die Wiedergeburt der wahren Architektur knüpfte, und leichter als ausdem darauffolgenden Baustyle mit Spitzbogen hervorgehen konnte, obwohl wir diesen byzantinischenKirchen, eben ihres Ursprunges wegen das Zugeständniss nicht versagen können, ein weit gesunderesltonstructives Princip als jener Spitzbogenstyl zu haben, und der Malerei und Plastik günstige Räumedarzubieten deren der Spitzbogenstyl so ganz entbehrt; so dürfen wir doch keinesweges darin einenGrund für die allgemeine Zweckmässigkeit und Anwendbarkeit dieses byzantinischen Styls für denKirchenbau finden. Der lombardische Baustyl aber nähert sich demselben so sehr, dass es schwer wird,die Gränze zu finden, wo beide sich trennen, wenn man nicht der Anwendung oder Nichtanwendungder Kuppeln, als solche bezeichnen will. Eine tüchtigere Konstruction und Technik scheint ebenfallsdurch die lombardischen Baumeister, jene weit verbreiteten Magistri comacini geübt worden zu seyn,und es scheint, dass wie oben gesagt, durch dieses lombardische Mitglied hauptsächlich die byzan-tinische Bauart den Abendländern zugeführt ward.

Man hat die Richtigkeit der Benennung byzantinisch bestreiten, und dafür vorgothisch oder

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