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vorgermanisch substituiren wollen: allein wie uns scheint mit Unrecht. In einer Zeit, welche der ei-gentlichen architektonischen Regel entbehrte, musste die allgemein angenommene Bauart sich nachjeder Lokalität, ja nach jedem Individuum so modificiren, dass wenn man hier etwas mehr als eineallgemeine Benennung suchen wollte, eine verwirrende Mannigfaltigkeit der Bezeichnungen entstehenmüsste. Wollte man also die Bauart, welche vor dem zwölften Jahrhundert im ganzen nördlichen,südlichen und westlichen Europa geübt ward, nicht byzantinisch nennen, welches doch dem histori-schen Standpunkte am angemessensten scheint, so wäre lombardisch der richtigste Name. Vorgothischund vorgermanisch ist aber ganz unpässlich und unbestimmt, denn der Name gothisch ist einerseitsschon an und für sich als ganz falsch allgemein anerkannt, und anderseits ist ja auch das römische,griechische, ägyptische und indische vorgothisch und vorgermanisch.
Sind wir aber schon verlegen, nur um einen bestimmten Namen für jenen dem byzantinischenund lombardischen folgenden Baustyl zu linden, so ist es nicht weniger schwer, über seine Entstehungund Ausbreitung, über seinen Anfang und Ende, ja sogar über das Eigenthümliche seiner Gestalt undBeschaffenheit mit wenigen Worten , wie es hier geschehen muss, etwas Treffendes zu sagen.
Wirklich ist der Name gothisch falsch; romantisch zu allgemein; germanisch, teutsch, sächsischetc. theils ohne erwiesenen historischen Grund, theils zu sehr specialisirt, und es wäre vielleicht dasBeste, diese wundersame Bauart den mittelalterlichen Basilika-Styl zu taufen; denn der Hauptdispo-sition nach stehen diese Kirchen wirklich den römischen Basiliken weit näher, als die byzantinischenKuppelkirchen. Aber wohl müssen wir gestehen, dass der Sache durch diese Benennung nur von ei-ner Seite Genüge geleistet würde, denn ausser der freien, offenen und grossartigen Disposition desInneren, gleichen diese Dome des Mittelalters allerdings in Nichts jenen antiken Gebäuden. Man hatden Grund zu ihrer phantastischen, aber oft mit grossem Sinne für Form und Yerhältniss gebildeten Gestal-tungen aus dem Arabischen, aus dem Arabesken style römischer und herkulaiischen Malereien, aus Indien ,Syrien , aus teutschcn Wäldern, und Gott weiss woher noch leiten wollen, ohne auf diesem Wege ei-nen festen Stützpunkt für die historische uud artistische Analyse derselben gewinnen zu können. Beidem Mangel zuverlässiger Nachrichten nun, welcher theils in der Zeit selbst, w r o dieser Baustyl herr-schend war im Allgemeinen, theils wohl in dem Geheimnisse liegt, womit die Baumeister jener Zeitdie Nachfolger und Erben der griechischen, römischen und lombardischen Werkführer sich, ihre Ge-hülfen und Bauregeln umhüllen zu müssen glaubten; bei dem hieraus hervorgehenden Mangel deut-licher Nachrichten ist es aber eben so schwer eine jener Vermuthungen ganz hinwegzuläugnen, alsganz zur Gewissheit und Klarheit zu bringen. Da, wie schon oben gesagt, alle frühere Architekturin der griechischen zusammen, und aus ihr wieder alle spätere durch Umgestaltung, Uebertrcibung,oder Verstümmelung herausfliesst, so ist es sehr leicht Formanalogieen dieses Baustyls mit allen vor-hergehenden zu finden, und somit einem jeden Systeme darüber, welches von den Formen unmittel-bar ausgeht, einige Stützpunkte zu verschaffen; aber diese so zu vermehren und zu befestigen, dassein unumstössliches kritisches Gebäude daraus würde, scheint uns unmöglich.
Eben so schwierig und ungewiss aber werden auch die Untersuchungen auf rein chronologi-schem Wege, theils wegen Mangel bestimmter Zeugnisse, theils wegen der höchst schwierigen An-wendung derselben auf Gebäude, deren Bau gewöhnlich mehrere Jahrhunderte umfasst, während wel-cher oft «so bedeutende Aenderungen des Styls und der Anlage durch vor-und rückschreitende Kunst-
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