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I. Abschnitt.
Tralles. Nach diesen gab es dann Andere, •welche über die Verhältnisse"'derBauarten überhaupt Schriften herausgaben, wie Silenus über die Dori-schen, und Argelius über die Corinthischen. Der Erste aber, welcherüber die Verhältnisse der Tempel überhaupt schrieb, war Philo der Athe ner , der im Zeitalter Alexanders, und auch noch später thätig war. DieSchriften des Letztem schienen vorzügliches Ansehen erhalten zu haben;und es läfst sich mit Recht vermuthen: Vitruv habe sich vorzüglich anPhilo gehalten, und dasjenige aus ihm entnommen, was er in Rücksichtder Tempelgattungen lehrt. Denn es ist eine falsche Ansicht, Vitruv habenur von Römischen Tempelformen schreiben wollen. Seine Vorschriftengelten von Griechischen und Römischen Tempeln überhaupt, und daher dieBeispiele, die er für diese und jene Tempelgattung anführt, bald von Grie-chischen, bald von Römischen Gebäuden entnommen sind. Vitruv’s Ab-sicht geht ofFenbar dahin, den Tempelbau, wie er von altersher bei denGriechen und den damit verwandten Völkern Italiens entstanden ist, allge-mein in Betracht zu ziehen, und dann nach den bessern Monumenten, undden Schriften der grofsen Meister die Grundsätze anzugeben, nach welchenjede Tempelgattung zweckmäfsig zu führen sey.
Er giebt seine Vorschriften mit Selbstprüfung und ohne Aengstlich-keit; er ehrt das Herkömmliche auch bei geringem Anlagen, und läfst demArchitekten einen grofsen Spielraum. Anderseits wird er durch kein An-sehen verleitet, von den zweckmäfsigern und gefälligem Verhältnissen abzu-gehen. Nur was dem Ganzen eines Werkes Gehalt und Uebereinstimmunggeben kann, lehrt er.
Es würde indessen ein Irrthum seyn, zu glauben, dafs Vitruv seinenStoff erschöpft habe. Dies war weder von ihm zu erwarten, noch zu ver-langen. Einem Schriftsteller, der in einer Zeit lebte, wo alle Muster frü-herer Architektur zugleich mit den Schriften der vorzüglichen Baukünstlernoch vorhanden waren, konnte es genügen, nur auf das Wesentliche auf-merksam zu machen, um das gründliche Studium bei den Architekten zubeleben, und die Freunde der Kunst zu einer richtigen Ansicht guter [Bau-werke zu leiten. Anders verhält es sich mit dem Forscher unserer Tage.Diesem liegt ob, alles zu beachten. Nicht nur soll er die Ansichtenund Lehren Vitruv’s gehörig würdigen, sondern auch bemüht seyn, dasMangelnde theils durch die Nachrichten anderer Alten, theils und vorzüg-lich durch das Studium der Monumente so viel möglich zu ergänzen.