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Dritter Hauptteil, Die Schweizeralpen.
2. Eine kleine Zahl von Pässen, und zwar meistens die tieferen, die meistÜbergänge zwischen großen verschiedenen Talsystemen sind, führen nicht über vonbeiden Seiten zugeschärfte Bergschneiden, vielmehr sind sie ganz unsymmetrisch.Die beidseitigen Talwege stehen in ganz verschiedenen Phasen der Ausbildung.Nur der eine ist ein junger Oberlauf, der andere, der davon getroffen wird, ist ein Stückeines Mittellaufes oder gar Unterlaufes eines greisen, reiferen, großen Tales. DiesePaßseite ist ein mehr oder weniger als Erosionsweg abgestorbener Torso von ge-ringer Böschung, der andere ein Anschnitt durch ein junges steiles, relativ raschrückwärts greifendes Erosionstal, das dem alten Tal von irgend einer Seite her inseinen Ober- oder Mittellauf eingebrochen ist und ihm einzelne Glieder und damitFläche und Kraft amputiert hat. Der Greis vermag sich nicht mehr zu wehren, er unter-liegt. Der landschaftliche Unterschied beider Paßseiten ist groß. Wir'können solchePässe Torsopässe nennen.
Das offenbar älteste, relativ ausgereifteste Tal unseres Gebietes ist das Engadin . An fünfGliedern hat es Amputationen erlitten. Immer hat es dadurch Wasser verloren, nie gewonnen;immer haben seine Schwächung, seine Stagnation, sein Zurückbleiben in der Austiefung dadurchsich befestigt. Auf alle diese fünf Pässe steigt man vom Engadin sanft an und jenseits derWasserscheide steil ab. Am großartigsten ist diese Erscheinung an der Maloja ausgebildet (S. 575bis 578), wo der Haupttalweg des greisen Tales angeschnitten und das ganze Obergebiet abgelenktist. Aber auch Nebentäler sind dem Inn entrissen worden und der Wasserscheidekampf setzt aneinem Taltorso an, gegen den Rhein: Julier - und Albulapaß, gegen den Po: Bernina-und Ofenpaß.
Ein anderes, streckenweise etwas ausgereiftes Tal mit Torsopaß ist das Landwassertal. Der un-symmetrische Paß führt von *dem flachen Talboden in Davos mit Steilstufe ins Prättigau hinab.Am Flüelapaß treffen wir Nebentäler von den zwei alten Tallinien des Davoser Landwasser und desInn rückwärts aufeinandergehend. Auch hier ist ein Torsopaß entstanden, allein mit nur wenig aus-geprägter Asymmetrie. Der prachtvolle Torsopaß von Lenzerheide—Parpan hat kulturell nicht dieseiner Erosionsgeschichte entsprechende Bedeutung, weil hier nur Zweige des gleichen Flußsystemesin den ungleichen Kampf getreten sind und sich zu einem jüngeren Umweg vereinigt haben.
Damit sind wir schon von den großen alten Grundlinien der Talordnung zuden kleineren Veränderungen in den späteren Abschnitten der Talgeschichte gekommen.Da wird ein genaues Studium der Felsterrassen und Talstufen, der Moränen, Schutt-terrassen, Schuttkegel, Bergstürze und überhaupt der heute noch in die Oberflächen-form gezeichneten morphologischen Verzierungen uns noch manch merkwürdigesvon den jüngsten Ereignissen der Talgeschichte, von der Anpassung der Klein-formen an den Gesteinsbau, den letzten Verschiebungen (Epigenesen, z. B. im Prättigau bei Lunden und Fideris ) in den Talwegen berichten können.
Die Stufung ist auch hier in den Quertälern (Oberhalbstein, Albula—Bergün !)viel überraschender ausgesprochen als in den Längstälern. In letzteren ist sie aus-einandergezogen. Dagegen ist die Erhaltung der Terrassen in den Längstälernmeistens besser.
Das Engadin zerfällt in folgende Abschnitte:
1. Oberstes Engadin . Von der Amputationsstelle an der Maloja (S. 575—578) abwärts: Seen-stauung durch Schuttkegel der Seitenbäche (Silsersee, Silvaplanersee, Campfersee) und durch Epi-genesen (St. Moritzersee). Viele Inselberge, Gletscherschliffe talaufwärts gegen das Bergell gerichtet.Gefälle von Malojapaßhöhe 1817 bis St. Moritzersee (Oberfläche 1771, Grund 1727)= 56m auf l6 l / a km= kaum 0,3°/ 00 .
2. St. Moritz—Celerina. Erst unterhalb des St. Moritzersees stürzt der Inn , dem See in der Mitteseines N-Randes seitlich entströmend, zum erstenmal durch eine Felsschlucht. Allein diese ist epi-