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versprach. Und es wäre vieles besser geworden, wenn derjeweilige Träger dieses Gedankens in sich die Tatkraft unddie Stärke dessen vereinigt hätte, der zuerst eben dieseIdee angeregt und für einige Zeit verwirklicht hatte. Alleindie Völker lassen sich nicht in einen Brei verschmelzen,anders will der Franke behandelt sein, anders der Sachse.
Wenn es daher mit dem Universalreich bald einEnde hatte, so blieb doch, und das ist ein erfreulichesZeichen, eine Frucht des allgemeinen Friedens, eine schönePeriode der Entfaltung der Kunst und Wissenschaft ge-staltete sich, nachdem schon am Reiche von innen undaußen kräftig angepocht worden war.
Diese Periode weist denn Schöpfungen auf, die langenachher umsonst gesucht werden mochten. Und zu diesenSchöpfungen ist das St. Gallen des neunten — und zehn-ten Jahrhunderts zu zälen. Man würde zwar irren, wollteman sich einbilden, St. Gallen sei so einzig dagestanden:rechts und links, oben und unten finden wir ähnlichesegenbringende, blühende Anstalten; was aber St. Gallen Zu einer einzigen Quelle der Kenntniß jener Zeit macht,das ist der Umstand, daß an Ort und Stelle eine wert-volle Sammlung der Ueberbleibsel jener Zeit erhaltenwurde, und glücklich durch die Wogen und Wirren derReformation, Revolution, Säkularisation hindurch gerettetworden ist. Und noch eine Ursache haben wir zu nen-nen, es ist die lebensvolle Schilderung der Ekkehard'schen