Band 
Zweyter Theil [3].
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zen von der Linken zur Rechten, der obere hinge-gen von der Rechten zur Linken beleuchtet ist, undsomit die göttliche Leuchte aus dem Gegenständeselber entspringe» laßt, der die ganze Luftszene er-hellet, so wie es das indische Licht mit dem un-tern Vorgänge thut. Und eben dieser Contrast vonzweycrley Lichtern ist es, der unserm Bilde dengeheimnißvollen Anschein giebt, den auch das ge-meine ,2lug sogleich empfindet, ohne daß es aufersten Anblick sich davon Rechenschaft geben kann.Der untere Theil des Gemäldes besteht aus zweyGruppen; die eine der Schüler des Herrn, dieandere der Personen, die ihnen das besessene Kindzuführen. Nur Raphael gelang es, schrecklicheGegenstände abzubilden, ohne daß solche ins Gräß-liche fallen. Die Figur des Knaben nämlich stelltein Wesen dar, das alle gichterschen Bangigkeitenseines Zustandes fühlt; aber nichts ist widerlichoder zurückstoßend in seinem Thun ; alle seine vonstarren und gespannten Nerven gehobenen Muskelnbringen keinerlcy häßliche Verdrehung hervor; dieStellung ist nicht unedel geworden. Der Blick istwild, der Mund gähnend, der Hals aufgeschwol-len, alle Züge sind verändert und aus ihrer Stellegerückt, aber darum weder Gesichter schneidenduvch schauerlich; eben so sind alle Glieder, alleMuskeln in der Crisis, ohne weder grotesk nochfurchtbar zu werden. Der arme Mensch erwecktInteresse und Mitleid, aber weder Abscheu nochEckel. Alle Anwesenden empfinden Schrecken oderErstaunen. Seine Mutter, die ihn den Jüngerndarstellt, ist allein ruhig; das Schauspiel ist nichtneu für sie; Mutterliebe und Hoffnung besiegenjede andere Gemüthsbewegung. Ihre Figur istvon dem angenehmsten Wuchs; auch ihr Profil istschön, aber nichts ausserordcntliches j sie ist eineFrau aus der gewohnten Volksklasse, aber Mutter,und in einem Alter, das mit demjenigen ihresSohnes im Ebcnmaaß steht; sie kniect, aber nicht alssußfallige, sondern um mit ihrem Sohn in angemes-sener Höhe zu seyn, und sich ihm desto mehr zunähern. Der Mann dann, welcher den Knabeneigentlich herbringt und hält, und sein Vater zuseyn scheint, zeigt ebenfalls weder Erstaunen nochSchrecken an. Sein runder und festgehefteter Blicksagt den Aposteln bloß: »Seht! so eben wandeltihn sein Uebel an." Sein Benehmen ist etwasbäurisch, wie seine Figur, und sein Wuchs wärezu kurz, weun er einen Helden vorstellen sollte.Allein kaphael hat sich in dieser ganzen unternGruppe wohl gehütet, irgend eine schlanke, ge-zierte, oder gar heroische Figur anzubringen, undbehält solche sehr geschickt für den obern Theil, woes um die Apotheose unsers Herrn zu thun ist.Die übrigen Umstehenden, die den Knaben beglei-ten , deuten in ihre» Stellungen ebenfalls einzig dieverschiedenen Gemüthsbewegungen an, die ein sol-cher Gegenstand einflößen muß. Eine Manns-undeine Frauensperson brücken ihr Mitleid, nach denverschiedenen Schattirungen ihres Geschlechts sowohlals ihres Persvnalcharackters aus: Beyde verwen-den sich bey den Schülern Jesu um Hülfe; aberdie Frau ist knieend und flehend, der Mann stehend,und bittet bloß. Auch in der Gruppe der Schülererkennt man die verschiedenen Gcmüthsstimmungen,hauptsächlich nach eines jeden Alter. Nur Einerist ganz jung; dieser allein ist zugleich bewegt undneugierig; er läßt sich hervor und untersucht mitInteresse, doch beschäftigt er sich mehr mit demUebel des Kranken als mit den Mitteln ihm zuhelfen. Die andern hingegen, alle von reifem obernoch weiter vorgerücktem Alter, haben das ganzePhlegma und die Ruhe die ihren Jahren geziemt.Der Aeiteste, den seine Kleidung auch als denbedeutendsten bezeichnet, ist derjenige der das Wortführt; und seine Gebehrde, die auf Christum weis t,zeigt, daß dieser es sey,an den man sich zu wenden,88) S. Füßti.

habe. Alle Köpfe auch dieser Gruppe sind gutcharakterisirt; alle zeigen die mannigfaltigen Näan-cirungen vom männlichen bis zum hohen Alter,und zugleich die verschiedenen Stande an, auswelchen sie zu der Schülerschaft Christi gelangetsind. Letztgedachte Gruppe führt indessen eine Be-merkung herbey, die man, wenn man will, eineCritick nennen möchte. Eine Figur nämlich aufdem Vorgrunde, zur Rechten, stellt einen Aposteldar, der auf der Erde sitzt, und ein Buch halt.Hier gespührt man wohl, daß der Künstler, inVerlegenheit den Vordergrund auszufüllen, ohnedie Personen des nachstanliegenden zu bedecken,hier der Menschlichkeit einen leichten Tribut be-zahlte. Diese Figur ist demnach, wenn man dieWahrheit gestehen will, ein Lückenbüßer, ober das,was man im Attelier Poncif zu nennen pflegt. Da-neben ist ihre Lage so gewandt, daß man nur daseine Bein von ihr sieht, ohne zu wissen, wo siemit dem andern hingerathen ist; das gebundeneBuch m ihrer Hand (zu Christi und der ApostelZeilen!) ist eben auch nicht geschichtlich, dafür aberihr Profil, für Zeichnung und Ausdruck, von be-sonderer Schönheit. Nachdem nun Raphael indem untern (indischen) Theil seines Werkes Alleskundgcthan, was Talent und Genie bis dahin zuleisten vermochte, wollte er noch mehr thun, undübertraf sich vollends selbst in dem obern Theil, denman den himmlischen nennen kann. Dieser ganzeTheil ist ein «ethnischer Raum, von dem vorder»indischen namhaft entfernt; Alles ist darin mitleichten Tinten gehalten, ohne Beyhülfe starker Ge-gensätze von Licht und Schatten; deswegen abernichts desto minder, mit einer fast unbegreiflichenFarbenmagie, Alles erhaben ausgedrückt. Die hell-leuchtende Figur des in Weiß gekleideten Christuslost sich von einem ebenfalls weißen Lichtgrunde ab.Diese ganze Figur ist in Klarheit gehüllt, unddennoch hebt sie sich, man möchte sagen, wie durchein Wunder hervor. Der Körper ist von einemübermenschlichen, aber darum nicht riesenhaftenEbenmaaß, die Drapperie von cdclm, majestätischemWurfe, und das Colorit von durchsichtiger Leich-tigkeit; die Stellung dann von einer göttlichenSalbung, die aber mit den Gottheiten des Olympsnicht die mindeste Gemeinschaft hat. Das Antlitz,dessen Ausarbeitung der Künstler bis aus End auf-sparte, hat mit der Menichheit nichts gemein, alsdie von himmlischer Güte und Gnade glänzendenZüge. Die beyden andern Figuren des Mosesund Elias hienachst, gehören nach ihren Formenmehr dem alten Bunde an. Aber auch hier konnteRaphaels Kunde des heidnischen Alterthums ibmkeines von jenen Profilen liehen, die sich bloß fürdas jüdische geziemen. Ihr Gewand ist wie ausdurchsichtiger schillerblauer Lichtluft gewoben; ihreGebehrde» drucken Liebe und Ergebung aus. Alledrey Figuren sind in die Lüste emporschwebend vor-gestellt, ohne daß man fürchten darf, daß sie denGesetzen der Schwere folgen, und erdwärts sinkendürften. Die drey Apostel, Peter, Jacob und Jo-hann endlich, auf dem Gipfel des Berges, alsZeugen des großen Gesichtes, sind davon geblen-det, und erschrocken zu Boden geworfen; die bey-den erstem liegen wirklich zur Erde; der dritte,jüngere und begünstigte«, birgt sich mit vorgehal-tener Hand und sehr anmuthiger Gebehrde vordem ihn umzingelnden Glänze. Diese dreye sindvon kleinerm Ebenmaaß, als die eigentlichen mit-handelnden Personen des Wunderwerks. Was dennder Künstler noch mit den zwey kleinen knieendenFiguren beabsichtigen mochte, die er ganz von Fernezuschauen läßt, deren der eine einen Diaeonus-Huttragt, ist uns unbekannt. Ob vielleicht eine pro-fane Hand dieselben, immerhin unschicklich beygefügthabe i88)'k Schließlich bemerken wir, daß beypittoresken, wie bey Theater-Effekten, man sich