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der er vermuthet, daß der junge Süirzi'o solchein seinem zehnten bis zwölften (!) Jahr gemalt, undlinoet in diesem Bilde alle Keime, welche Studiumund Nachdenken einst in ihm entwickeln sollte»; dannaber freylich noch viel Kindisches 442) und Schü-lerhaftes in Compositio», Zeichnung, Perspektive,Kolorit und Toceirung. Alsdann wird 44z) be-merkt, was R. eigentlich von da Vinci mochte er-lernt haben: Eine mehr poetische Cvmposition;bessere, auf mehr Effekte zielende Ausspcnduiig derGruppen; minder steife und schleppende Drappirung;helleres und reineres Kolorit; besorgtere Ausfüh-rung. Dann von M. Aiigclv die starkern und ern-ster» Formen. Das meiste aber von sich selbst:»So verließ er jene geraden und gereiheten Zu-sammensetzungen , wie sich z. B- eine dergleichennoch in dem Bilde der Jünger um das lare Grabim Museum befindet. So lernte er und lehrte jeneschöne Ordonnanz, wo Alles qruppirt, verknüpft,und durch Coutrasie auf den Effekt berechnet ist444);wo die verschiedenen Theile des Ganzen sich imGleichgewicht halten; wo man das Kreuzweise,die Parallelen, die spitzen Winkel ausweicht, ohnesolches zu scheinen — kurz wo die Kunst selbst dieKunst verbirgt. Eben so verbarg R. jetzt seineeinst aüzugenaue Nachahmung des Alterthums, unddurch eine glückliche Mischung derjenigen Schön-heiten die dasselbe lehrt, mit denen, welche dieNatur darbietet, bildete er jene Charaktere vonKöpfen, die noch besser als die Antiken gefallen,weil man hoffen kaun sie wieder zu finden, oderweil man wirklich glaubt, sie schon gesunden zuhaben — weil sie himmlisch sind, ohne göttlich zuseyn, und das, was Menschliches daran ist, gewis-sermaaßen Familienbildnisse aus ihnen macht".Hieraus wird von einzeluen Werken unsers Künst-lers das Meiste nach Gebühr erhoben 445); anAndern,, wie;. B- an den Arbeiten in der Far-nesina, Verschiedenes mit gutem Grund gerüger. —Von R. dritter Epoche heißt es hier: »In dieserscheint er sich besonders auf die Vervollkommnungdes materiellen Theils seiner Kunst, das Kolbritund die Jmpastirung gelegt zu haben. Jetzt er-laubt er sich nicht die geringste Nachlaßigkeit, auchin dem kleinsten Detail nicht mehr; Alles mutzvollendet, .denn Alles soll vollkommen, d. h. sei-ner würdig seyn: Eine Gcwandfalte, ein Gras-halm ist so sorgfältig ausgearbeitet, wie das Augin einer seiner Hauptfiguren, ohne baß dieser Fleißder Wirkung, diese Schönheiten des Details der-jenige» des Ganzen schaden. Unter den Malernder höhcrn Gattung ist vielleicht R. der Einzige,von dem man behaupten darf, daß die Arbeit im-mer dem, was bereits schön war, noch einen neuenRcitz hinzugefügt habe. In niedrigen Gattungenwar solches bisweilen auch der Fall der Flamander,aber immer bloß in Sachen, welche die Natur ih-nen vor Augen stellte, nie in Bildern der Einbil-duiigskraft. Für R. h-ugegen war diese lctztreeben, was jenen die Natur; er kvpirte das, wassie ihm eingab; d. h. einen idealen Madonnenkopsvollendete er so, wie wenn das Modell vor ihmstühude; das, was er malen wollte, war schon in
feine» Gedanken vorhanden, und diese hielten dasModell stets zu seinen Befehlen fest". Am Endfindet sich noch eine sonderbare Angabe, wovonwir nicht wissen, aus welcher Quelle sie gezogenist. Dieselbe lautet, wie folgt: »Die Natur hatteRaphael mit allen ihren köstlichste« Gaben geschmückt;er selbst hatte sich zum Modell des idcalischcnSchönen nehmen können, daher auch seine Schü-ler, welche nach der Weise damaliger Zeiten überPythagoräische Begriffe von der Seclenwanberungdispukirten, behaupteten: Raphaels'Seele sey dienämliche, die ehemals das Wesen belebt habe, auswelchem die Mensche» einen ihrer Götter unter demNamen des Apollo geschaffen hatten — besaß erdoch ebenfalls alle Reitze der Beredtsamkeit unddes Ausdrucks — war auch seine Stimme sanftund eindrücklich — gewann auch Er sofort das Ver-traue» und die Zuneigung aller derer, welche sichihm nahetcn", u. s. f.
Unter den verschiedenen Raphaelischen Ha»d-zeichnungen, welche das Französische Museum be-sitzt, gedenken Wareler und l'Evesque vornehm-lich einer Seizze des ersten Gedankens der Schulevon Athen, in Crayon, mit einer Reinheit derUmrisse, welche, in solchem Grad, ihm allein ei-gen war 446).
Nun noch ein Wort von dem jüngsten der Fran-zösischen Cbarakteristiker großer Künstler, demgeistreichen Taillasson 447), der s( höchst sonder-bar!) in seiner Stimme über Raphael , imt allerseiner ungeheucheltcn Verehrung für denselben, weitunter seinem gediegenen Urtheile über so viele an-dere Kunstlichter geblieben ist, so daß wir in derThat von ihm keinen einzigen ausgezeichneten G>-danken auszuheben wissen , und ihm dafür das unsbisher unbekannte Anekdoten gerne schenken wür-den: Daß Sanzio eines Tags, seinem Nebenbuh-ler Buouaroti, der über das Künstler-Geleit spot-tete, das jenem, wenn er nach Hofe gieng, wiesein Schatten folgte, und ihn deswegen einen —Schultheiß nannte, dafür ins Gesicht warf: UndEr, Michael, der so allein gehe, sehe einem —Henker gleich. Dann aber vernehmen wir dort,woran wir bisher immer gezweifelt haben 447),daß die Raphaelischen Tapeten (oder wenigstensein Theil derselben) wirklich »ach Frankreich gebracht, und sogar eine gewisse Zeit lang anden Mauern des Lonvre aufgehängt worden; undnennt davon namentlich auch den Kindermvrd.
Die weitschichtige Litteratur der zahllosen Blat-ter nach RaPhael betreffend, so ist allerdings die-jenige, welche uns Heinecke 449), hauptsächlichnach den Schätzen der Dresdner-Gallerte gegeben,zwar leider! nicht die genaueste, aber dafür die beßt-geordnete, und zugleich, bis an das achte Jahr-zehnt» des XVIII. Jahrh, reichend, die zahlreichstevon allen. Eine Berichtigung, und Vervollstän-digung derselben von einem bewährten Kenner,wäre daher großen Dankes werth. Beydes ist,was die Blätter von alten Meistern (also das Wich-tigste) betrifft, von dem, nie genug zu preisenden,
442) Wie z. B. das Brustbild seines Gott des Vaters, der aus seinem Himmel, wie aus einem blauen Meerhcrvvrschießt.
44 Z) Freylich nicht auf historische Daten hin.
444 ) ?
445 ) Die Hunnen-Armee im Bilde des Attila nennt er einen »Waldstiom^ der nun seinen Damm gefunden hat,und wieder auf sich selbst zurückströmt."
446) Und doch wohl schwerlich diejenige ist, wcicye einst der H. von Lroznt besaß. S. oben S. 60. Anm. 2Z2.
447) Obzervstionz zur quelquez xrnnäs keintrez etc. 8 ksriz 807. P. —,jz u. 290—9,.
448 ) S. oben T. ->9. Anmerk. -43.
449 ) Nachrichten von Künstlern und Kunstfachen. Th. II. S. Z12-524.