Band 
Zweyter Theil [4].
Seite
1882
JPEG-Download
 

Treck.

r882 Tieck.

ihn auf sein Unvermögen, noch etwas recht Tüch-tiges zu leisten, aufmerksam machte, beschloß ersogleich , seinen Aufenthalt in Paris zu benutzen,um Zeichnen zu lernen. Auf der Reise berührteer damals zum erstenmal Zürich , wo er Lavaterund den Architekten Esther kennen lernte, auchden Maler Ludwig Heß und dessen Arbeiten nichtgenug schätzen konnte. - In Paris nun gab ihmder Bildhauer Pajou sofort die Erlaubniß, inallen Sälen der Akademie zu studiren; und dortwar seine erste Arbeit die PortraifiBüste derFrau von Humboldt, welche er sehr sorgfältigund ähnlich ausführte, nur daß die Arbeit nochein wenig kleinlich, und das Gewand und Kopf-putz schlecht genug waren. Das Bildn-ß einerandern Dame, der berühmten Tänzerin Clothilde ,war noch weniger werth, und mit minderm Fleißvollendet. Wenige Monathe nach seiner Ankunftwollte er es wagen, mit um den großen Preißzu concurriren; aber beym ersten Versuch sah' er«in, wie wenig er noch im Stande sey, einBasrelief zusammenzusetzen, und mußte daherdas Beginnen aufgeben. Um nun mehrere Ge-legenheit zu haben, die Natur im Nackten zu stu-biren, trat er in Davids Schul«, und nachdemer dort einige Monathe modellirt, fieng er anzu zeichnen, und machte auch einige Versuche inder Malerey. Noch früher, ehe er in jene Schulekam, hatte er ein Paar Gewandfiguren zu mo-delliren angefangen; da er aber durchaus dasPrinzip eines guten Gewandes nicht einsah, auchkeiner seiner freunde und junger Künstler ihmsolches zu erklären wußte, so mißgerieihen sie ihmtrotz aller Anstrengung, und er zerschlug sie un-vollendet. Im zweyten Jahre seines Aufenthaltsin Paris wurde er nun wirklich unter die Preis-concurrenten aufgenommen. Hier lernte er erstrecht seine Schwäche in der Composition kennen,seine Unwissenheit in Behandlung der Gewänder,und das Thvrigte, Beydes so lange vernachläßigtzu haben. Jedoch gab man seinem Preisstückedas Lob, daß alle nackten Theile sehr gut aus-geführt seyen; Hände und Füße nannte man mei-sterhaft, doch, natürlich erhielt er noch keinenPreiß. David wollte seine Schüler in der Com-position üben, und machte ihnen an den Feyerstagen Aufgaben, was aber, durch der SchülerSckuld, welche diese Mußestunden nicht hingebenwollten, bald ins Stocken gerieth. Tieck indes-sen sah den Nutzen für sich ein, und setzte jeneUebungen in Gesellschaft seines Freundes, desMalers Schink aus Stuttgard, fort, so daß sie,entweder denselben Gegenstand oder jeder eineneigenen komponieren, wodurch es ihm am Endegelang, einige Leichtigkeit in diesem Kunsttheilezu erhalten, und eben so auch die Gewänder an-zuordnen. Sehr vielen Einfluß hatte etwas spä-ter Lombach von Bern auf ihn und Schink, dajener als Schüler Carstens von Rom gekommen.Während dieser Zeit fertigte der Unsrige die Por-traiuBüste der Madame Reinhardt, kurz vorher,ehe ihr Gatte zum Gesandten in der Schweiz ernannt wurde. Dies war vielleicht die erste wohlgelungene, und mit Geschmack drappicrke Büstevon seiner Hand; wenigstens fand solche beyallen französischen Künstlern großen Beyfall.Dann hatte er auch angefangen viel nach Gemäl-den zu zeichnen, worunter im dritten Jahre sei-nes Aufenthalts in Paris die Madonna della Se-

bin in der Größe des Urbilds sich befand, welcheZeichnung er dann, als das Gelungenste dieserArt von ihm, der Frau von Humboldt schenkte.Noch ehe solche ganz vollendet war, trat er jetzt(,8oo) von neuem die Koncurrenz um den gro-ßen Preiß*), wo er, eben so wie Norbli»,ein Preuße, den zweyten dieser Preise gewann.Den ersten Preis, welcher in einer Pension be-steht , wozu kein Fremder gelangen kann, erhieltsomit keiner von beyden **). Die letzte Zeit seinesAufenthalts in Paris brachte Tieck fast ganz da-mit hin, Zeichnungen und Scizzen von eigenerErfindung, einige von ziemlichem Umfange, zufertigen; doch waren es mehr bloße Entwürfe, de-nen es an einer saubern Ausführung fehlte, dieer bey einer Zeichnung in Sepia, und mit derFeder umrissen, noch nicht in seiner Gewalt hatte.Noch machte er einen Versuch, mit um den gro-ßen Preis der Malerei zu concurriren; er wurdeaber nicht angenommen, da man seine Ungelenk-heit im Mahlen gewahr wurde. Endlich sah manvon ihm um diese Zeit noch eine Menge Portraitsals Medaillons; wie z. B. Alexanders vonHumboldt, Baggesen's, Sprecher's und einesGrafen Schlaberndorf, wovon, wie unser Künst-ler selbst glaubte, letzkres unstreitig das Beßrewar. Im Sommer i8or. verließ er Paris ***),'und verweilte unterwegs in Weimar , wo er Goe-thc's Büste modellirte- Die Maske ist sehr aus-geführt, Haar und Gewand aber mißgerathen,weshalb er auch nachher das letztere änderte,und später in Rom an dem Marmor auch demHaar einen ganz andern Wurf gab. Im Dezem-ber desselben Jahres dann gieng er nach Berlin ,wo er kurz nach seiner Ankunft das Bildniß derSchauspielerin Ungelmann lieferte, welches sovielen Beyfall fand, daß man mehrere ähnlichevon ihm foderte, worunter das der Frau vonBerg, der jungen Gräfin von Voß, ihrer Toch-ter, der Tochter des Ministers Haugwitz, undder Gräfin Kalkreuth sich befanden. Hier begeg-'nete ihm das Unangenehme, daß sein ehemaligerLehrer, Schadow, durch den Ruf der Arbeite»feines Schülers (der es nicht verhindern konnte,daß sie mit den seinigen verglichen, und fleißigergearbeitet befunden wurden) zu fürchten schien,daß Tieck sich ihm entgegenstellen und schadenwollte, und daher in seiner Freundschaft gegenihn zu erkalten schien. Auf diesen Gedankenwurde ersterer durch den Umstand geleitet, weilein Paar unwürdige Künstler den Unsrigen wirklichgebrauchen wollten, um seinen Lehrer herabzuse-tzen, um ihrem persönlichen Grolle Genüge znthun. Diese wurden darüber böse, daß er sichgegen seinen Lehrer nicht als undankbar erzeigenwollte; er selbst hingegen gieng hierin so weit,daß er es vermied, die Büste der Hochscl. Kö-nigin von Preußen zu übernehmen, weil bey derStimmung eines großen Theils des Publikumsdie seinige viel mehr gefallen haben würde, alsdie schon weit früher gemachte seines Meisters,was denn für diesen letzter,, sehr kränkend gewe-sen seyn würde. Dennoch wußte Schadow ihmdieses nicht zu Dank, und allerlei dumme Klat-schereien hierüber wurden selbst bis zu der Kundeder Königin gebracht. Im Frühling 1802. giengTieck nach Weimar zurück, um die dort über-nommenen Arbeiten anzufangen. Hier führte erzuerst drey große Basreliefs in Gyps aus, wel-

") Die Aufgabe war: Priam , der zn Achill's Fußen NNI Hektor's Leichnam fleht.

«k) Und auch kein anderer (Französischer) Concurrente, da ihre Arbeit unter der von jenen stand. llanLonAmiak . I. irrt sich übrigens, wenn er (l. c. x. 8.) sagt, daß Norblin den ersten, Tieck den zweyten derbeyden 'erhältlichen Preise errungen habe. Dann giebt er (Ul. -. und 9. ^ von beyden Arbeiten den Um-riß, und setzt ihre» Werth überhaupt ausgleiche Stufe; glaubt aber, wenn es derjenigen des Unsrigen,von welcher hier die Rede ist, in Absicht auf Zeichnung, nicht an Charakter fehle, so dürfte man hingegenfinden, daß sie weniger leicht, geschlank in den Formen, und zumal in Priam's Figur minder Dahingebung,als in dem Basrelief von Nvrblin zu finden sey. Von letzten« sagt er namentlich:Man finde darin histo-rischen Charakter, Styl. Ausdruck, nebst guter Wahl der Formen und Drapperien". Uns scheint hingegen(freylich bloß aus den kleinen Nachbildungen zu urtheilen), die Arbeit von Tieck mehr den Charakter ed-ler, zwangloser Einfalt zu tragen.

Aber wohl nicht, wie es irgendwo heißt, »aus Unwillen", jener Presgeschichten wegen.