Band 
Zweyter Theil [4].
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2037
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Vecellio.

Manier immer mehr, und fertigte manches Vor-treffliche, dann aber auch Anderes, was mindertaugte *). Das allgemeine Gebrechen der Vene-zianischen Schule bestand nämlich darin: Mitder Eilfertigkeit Staat zumachen, was denn auchGiorgiones größtes Verdienst war. VorzüglicheZeichner fanden sich wenige in dieser Schule, alswozu Geduld und Aufmerksamkeit erfordert wird.Selbst Tizian , der gut zeichnen konnte; weil ermehr Beurtheilungskraft und Geduld, als seinekünstlerschen Mitlandleuthe besaß, fiel dennochnicht selten in jenen Fehler der (Übereilung, undgab sich, als steter Kopiste der Natur, mit demEffekte, den er zu Stand brachte, zufrieden, ohnesich weiter mit Nachforschen der Gründe denKopf zu zerbrechen. Erst in srinen letzten Lebens-jahren verfiel er aus Altersschwachheit in einenniedrigern Geschmack; seinen allgemeinen gutenFarbenton hingegen behielt er immer bey. Hartwurde er, so oft er geschwind fertig werdenwollte. Seine schönsten Arbeiten sieht man zuVenedig ; neben Andern, im Hause de Graßi eineVenus, die in seiner beßten Zeit von ihm gefer-tigt ist **); vor Allem aber seinen St. Peter denMärtyrer, worin er eben so sehr als großer Zeich-ner, wie als Coloriste ohne Gleichen erscheint,und kurz hier sich selbst übertraf. In diesem Bildesind alle Theile nach der Natur siudirt, ohne daßman die Kunst darin gewahr wird, und dasselbeist mit einer Freyheit gemalt, daß es bloß ausder Idee entstanden zu seyn scheint. Ueberhauptgenommen führte er seine Arbeiten wenig aus;allein mit seinem Wenigen wußte er alle das aus-zudrücken, was Correggio mit alle seiner Auf-merksamkeit und Fleiße; indessen geschah bey den,letzter» Alles mit Grund, bey dem Unsrigcn hin-gegen war es einzig die vortrefflichste Nahahmungder Natur. Seine Drappirungen sind leicht,und haben sogar etwas Jdealisches an sich; dochwerden sie zuweilen durch Kleinigkeiten und deu-tungslose Striche verunstaltet. Seine Landschaf-ten endlich sind die schönsten, die ich kenne.Allein derjenige Theil, in welchem er sich denndoch vor allen Malern in der Welt auszeichnete,ist und bleibt das Kolorit, und dann gewissekühne Züge, womit sogar Correggio seine Schön-heiten noch hätte vermehren können. Schließlichwußte niemand so gut, als er, jene blutfarbigeHalblinken zu gebrauchen, welche in der Kunsteben so schön, wie in der Natur, wirken." Soweit Mengs in diesem zweyten Aufsätze im All-gemeinen; und nun im Besondern. Erstlich überTizians Zeichnung; im Ganzen nichts Neues,und wesentlich nur Folgendes: »Es ist kein Zwei-fel , daß Tizian nicht alle Anlagen zu einem großenZeichner gehabt hätte, weil er einen richtigenBlick besaß, um eben so gut das Antike, als dieNatur nachzuahmen, sobald er auch das ersterestudieren wollte: Allein seine vorherrschende Nei-gung zum Colorit erlaubte ihm wenigstens keingründliches Studium desselben. Daher untersteh'ich mich nicht zu sagen, daß er ein großer Zeich-ner gewesen sey." Das Tolorit betreffend,heißt es hier, neben Anderm: »Tizian ist beson-ders auch das Verdienst beyzumessen, daß er,nach Wiederherstellung der Malerey der erste war,der sich des Jdealischen der verschiedenen Farben,zumal in den Drappirungen zu bedienen wußte.Vor ihm wurden für solche alle Farben ohne Un-terschied, und fast alle in einerley Grad von Licht

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und Schatten gebraucht. Tizian und Giorgione nun sahen ein, daß das Rothe die Dinge her-vortreten läßt; daß das Gelbe die Lichtstrahlen ansich zieht und aufbehält; daß das Blaue Schat-ten macht, und zu großen dunkeln Stellen dien-lich ist. Eben so kannten sie die Wirkungen derSaftfarben, und fanden (iT-Zian besonders) aufdiesem Wege den wahren Begriff des Kolorites,und die Weise, den Schatten und Mikteltinkengleiche Grazie und Klarheit des Tons, wie denLichtern zu geben. Mit einer Menge von Mit-teltinten besonders, wußte er die durchsichtigeHaut von der groben, durch vermischtes Gelb undSchwarz das Fette zu unterscheiden, und, kurz,mit seinen Tinten das Eigenthümliche jeder Sacheanzudeuten; wobey er ferner wahrnahm, daßdurchsichtige Körper nicht so entschiedene Farbenhaben wie undurchsichtige, und von diesen letztemdas Licht verschluckt, von jenen hingegen zurück-geworfen wird *), und dergestalt den hohen Graddes Colorits erreichte, worin er nicht seines Glei-chen hatte. Die Römische Schule hat niemalsein gutes Colorit gezeigt; die Lombardische etwasbesser; warum aber die Venezianische vor allenübrigen den Vorzug hatte, rührt daher, weil siein der Bildnißmalerey die geübteste war °f-). Diesgab ihr die alltäglichste Gelegenheit, die Kunstzu malen von der Natur zu erlernen, und ihregroße Mannigfaltigkeit zu studiren. Die Gegen-stände wollten nach ihrem ganzen Aeussern gemaltseyn; daher war der Künstler genöthigt (nebst allerGattung Fleisch) auch alle Arten von Bekleidungdesselben mit Sammt, Atlas, Lasst, Tuch,Leinwand, Spitzen, Edelgesteinen u. s. w. nach-zuahmen. Aus gleichem Grunde hatten späterhinauch Rubens und Vandyck durch das viele Ma-len von Sammt und Atlas ihren Geschmack sehrverbessert; jener war der erste, der von den Wie-dcrscheinen, welche er an nackten Gegenständenbemerkte (bis zum Uebermaaß) sich so sehr einneh-men ließ, daß er das Fleisch eben so wiederschci-uend, wie den Atlas, darstellte. Er hatte denTizian studirt, der aber in seinem Colorit dieallgemeine Harmonie nie vergaß, die hingegenRubens so ganz unbekannt war, daß, wenn ersie anbringen wollte, er bloß Farben zusammen-hauste, und eine auf die andere reflektiren ließ,ohne zu beachten, wie Farben, wenn sie sich nichtwohl vertragen, das Gesicht beleidigen. DieFarben des Regenbogens sind unter einander sehrharmonisch; sobald man aber das Rothe, Blaueoder Gelbe daraus wegnimmt, so ist die Harmo-nie sogleich zerstört, welche in dem Gleichgewichtdieser drey Farben besteht, das Tizian so voll-kommen, Rubens hingegen so wenig beyzubehal-ten wußte. Ueber des Unftigen Helldunkel kömmthier nichts Neues zum Vorschein. Von der Tom-posi'rion heißt es da: »Seine ersten Composi-tionen waren, nach dem Gebrauch der damaligenZeit, symmetrisch; seine zweyte Manier war etwasungezwungener (un poco piusvelts), doch ohnebesondere Regeln; in der letzten scheint er dem,was er komponirte, nicht einmal nachgedacht zuhaben, ob sich gleich von ungefähr, einiger Aus-druck (?) darin vorfindet. Dadurch, daß er häufigBildnisse in seinen historischen Darstellungen an-brachte, fielen solche noch mehr ins Trockene ^).Kurz, wenn er etwas gut komponirte, so ist diesso selten, daß man es ihm kaum zum Verdienstanrechnen kann. Auch in diesem Kunsttheile be-

^) Nicht, wie Pranger: e aitrs nisiite duono, mit: »und jener (Giorgione ) nicht viel Gutes" giebt.

Ob unter so vielen Liebesgötlinnen von Tizian namentlich auch diese gestochen sey, ist uns unbekannt-

Llie IL kuce 8i kerma in quests, e trap-rssa, in quelle.

-f) Aber warum dies? Den ersten Grund hiefür müßen wir vielleicht (man lache nicht zu frühe!) in der ari-stokratischen Bürgerey von Venedig suchen. Auch Mengs (II- nk>.) sagt: e u que-.ro conrribul molwms^iiiüceii^-r äs sixnori Verierlani, clrs volovano ssser riirrati äa'Iui, o »ver äi su» man» xittursäi äonne ignuäe.

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