L0Z8 Vecellio.
folgte er schlechtweg die Natur, ohne auf künst-lerischen Effekt sein Augenmerk zu richten." Nochin einem dritten Pamphlete: Ueber die verschie-denen Malerschulen faßt Mengs seine Urtheileüber Tizian nochmals ins Kurze also zusammen:„In seiner ersten Manier malte er in GiorgionesGeschmack, zeichnete aber minder groß und vieleinfacher nach der Natur. Nachher nahm er ei-nen andern Styl an, verließ die Rundung desGiorgione, und wagte dreistere Pinselstriche, wiean seinem Peter dem Märtyrer. Zuletzt verlorer die Reinlichkeit des Pinsels, und malte in sei-ner letzten Zeit in einem groben Geschmack. Jetztfiel er so sehr ins Helle, daß seine Bilder ganzplatt erscheinen. Seine Composition war gewöhn-lich kalt und gemein; die Zeichnung überhauptunrichtig; der Faltenwurf ohne Wahl; Helldunkelund Effekt wahr *). Seine Köpfe scheinen meistBildnisse zu seyn; aber ohne Ausdruck. DasColorit endlich ist, bis auf sehr späte Zeit, un-verbesserlich". Füßlislll. 2^-30. spars.) spricht vonTizian in seiner gewohnten bündigen Kürze:„Derselbe hatte für die Farbe in der Natur eineeben so anziehende Empfänglichkeit und ein ebenso feines Gefühl, als Raphael für das Bedeu-tende, und Correggio für das Anmuthige in der-selben gehabt hatten; und so, wie Raphael, durchden Anblick des großen und gewaltigen Zeich-nungsstyls des Michael Angelos, von der Ma-nier Peter Perugins abgezogen ward, ohne sichjedoch der gar zu übertriebnen Manier des erstemzu überlassen, sondern sich daraus nur die Groß-heit in den Formen abstrahierte; eben so hat Ti zian , nach der Betrachtung der kühnen Farben-behandlung, und der dadurch erzielten starkwir-kenden Rundung der Formen Giorgione's, die zutrockne und flache Art Johann Bellin's beyseite-gesetzt, ohne doch das zu willkürliche Starke inBarbarella's Gegensätzen der Farben beyzubehal-ten; sondern daraus nur das Saftige, Flüssige,und Leichte in der Behandlung entlehnt, undsich übrigens durch eigne Ueberlegung eine behut-samere und genauere Nachahmung der Natur ei-gen gemacht". Dann, nachdem er ebenfalls etlicheStellen aus obigen Mengflschen Urtheilen ange-führt, und denselben beygepflichtet, fährt er alsofort: „Theils aus obigen Urtheilen, theils auseigener Untersuchung mancher in der KK. GalerieLefindlichen vortrefflichen Gemälde dieses in sei-ner Art bisher einzigen ganz wahren Coloristen,glaube ich, seinen Kunstcharakter solgenvermaaßenim Allgemeinen bestimmen zu können: Eine nurwenig fruchtbare Einbildungskraft; wenig Em-pfänglichkeit für hohe Ideen, und für besonderselegante Formen; dennoch aber eine, meistens überdaö Mittelmäßige gehende Wahl in der Zeichnungderselben; mehr grandiosen Styl als genaue Nich-tigkeit in diesem Kunsttheile; wenig Gefühl für denAusdruck der Gemüthsbewegungen; hingegen eineganz ausserordentiche Fähigkeit, die Eigenschaften,und die Wirkungen der Farben auf das Auge,mit einer so eindringenden Genauigkeit zu fassen,
Vecellio.
zu ergründen, zu empfinden, und auf eine leichteund fließende Art darzustellen, die, wie die Er-fahrung bis jetzt gezeigt hat, keinem andern, auchsonst großen Coloristen zu Theil geworden ist".
In Deutschland besitzen^von diesem großenMeister vörderst die ebenerwähnte Kaiser!. Gale-rie zu Wien die fast ungeheure Zahl von 49.Bildern, wovon der weit größere Theil aus deralten Sammlung von Brüssel herrührt, die da-her auch alle in dem bekannten Pfuscherwerke die-sesNamens, von van Kessel, Lisebethus, Popels,van Steen, Troyen und L. Vorstermann demjüngern, meist dürftig genug gestochen erscheinen,und wovon übrigens (wenn wir anders einem,freylich etwas derbe absprechenden raisonirendenVerzeichnisse glauben sollen) die mehrernUrbilder selbst, hauptsächlich der schändlichstenRitoccirungen wegen, wenig mehr taugen sollen.Unter der Gesammtzahl jener 49. befinden sich i 5 .Bildnisse von bekannten Personen; :von männli-chen: Carl V. zweymal, einmal oet. 5 o. lebens,roß in ganzer Statur, jenem Verzeichnisse zufolgeber alle Maaßen schlecht, nach einem andernUrtheil ***) wenigstens von sehr schwachem Corlorite, aber freylich auch von dem schon dreyund siebenzig Jahr alten Tizianj gemalt; dannaber mehrere gute, und zum Theil vortreffliche:Des Kurfürsten Joh. Friederichs von Sachsen (zweifelhaft, ob es der Fürst sey); der AntiquarStrada in seinem Cabinette, herrlich gemalt, aberbeschädigt, mit des nun vollends neun und sie-benzig jährigen Künstlers Namen und dem Da-tum - 566 .; Benedikt Varchi, vollends vortrefflich,ebenfalls mit dem Namen; Philipp Strozzi; Bocrcaz als betagter Mann, nach Andern der Arztil Parma ^), sehr schön; und eben so auch derNaturforscher Aldrovandi in seinen beßtcn Jahren,mit einer Vogelklaue in der Hand; nicht mindervoll schöner Wahrheit der Bildhauer Sansovino ,der eine Gypsfigur hält; und ebenfalls gut einesvornehmen Venetianers, Fabrizius Salvaresius,mit: 72 tram opus i 558 . bezeichnet; endlich desKünstlers eigenes, mit schwarzer Mütze und gül-dener Kette, was aber sehr gelitten hat -j-f-).Von weiblichen: Die Prinzessin Jsabelle vonEste und Tizians sogenannte Beyschläfe-
rin (letzteres halb entblößt, mit einem über dieSchulter nachläßig geworfenen Pelze, den sie mitbeyden Händen zusammenhält *); eine anderejunge Dame (wie man glaubt Violante, die Toch-ter des ältern Palma , als Flora, mit lichtgclbenherabfallenden Haaren, weiffem Hemd und halbentblößter Brust; in der Rechten hält sie Blumen,mit der Linken drückt sie ein seidenes Oberge-wand an sich **); dann das Gesellschaftsbild desMarchese del Quasto (Feldherrn Carls V.) unddessen Beyschläferin, unter den etwas unverständ-lichen allegorischen Figuren der Liebe und Treue;übrigens sehr schön. Man steht aas der Wahr-heit, daß der Künstler die Urbilder vor Augen ge-habt, und aus der sorgfältigen Arbeit, daß er
v) Noch an einer andern Stelle (in dem Schreiben an Anton pons) sagt Mengs sehr gur: »DieWirkung und die Stärke des Helldunkels besteht in Tizians Werken nickt in einer Dunkelheit der Schat-ten und Helle des Lichts, sondern in der geschickten Ordnung der angemessenen Lokal-Farben "
Betrachtungen über die KK. Dildergallerie zu Wien 8vo Bregenr 785. S. 1-8—64. sxsrs.
Gemälde der RK> Gallerie. 8»o Wien 796. S. 69.
f) S. Kidolfi I. i5-.
-sf) I.. Vorstermann sc. bey Teuieks Nko. 5-.
fff) Ein solches besaß auch das Kabinet Reynst, von einem Ungenannte» schön gestochen.
^non. sc. sehr artig.
*'') Einige Haltens für palma's eigene Arbeit, und unser erstgenanntes Verzeichniß nennt solches «in garsüßem Ton gemalt, und noch ziemlich wohl erhalten". Uebrigens ist zu bemerken, daß eben diese LockrerPalma's mit zu des Künstlers vermeinten Liebschaften gehörte. Zhr Vildniß wäre somit mit den übrigenzu vergleichen, welche unter diesem Namen bekannt sind. Immerhin scheint es von jenem oben „TiziansBevschläferin" genannten, wovon es bev vonMechel S. »i-. heißt, es habe einen Fächer in der Reckten,und sey eine Copie von Rubens nach Tizian (?) verschieden zu seyn. Allein von der Awevdeutigkeit allerder Sagen über die Liebschaften des Unsrigeu, s. mau das Wahrscheinliche unten, an der schicklichen Stelle.