Band 
Zweyter Theil [5].
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West.

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West, der berühmteste, jetzt (1808.) lebendeenglische Maler, auf den jeder seine Blicke richtet,ein Liebling des Königs und eine Zeitlang Prä,fident der Akademie, ist von Geburt ein Nord-Amerikaner von Springfield in Ehester-Countryin Pensilvanien, und ein Mitglied der ernsthaften,stillen, steifen, aber ehrwürdigen Gemeine derQuaker. Von den Verhältnissen, die unmittelbarzur Bildung dieses Mannes, und zur Entwicke-lung des in seiner Naturanlage unverkennbarenGenies mitwirken, können wir, unserer Bemühun-gen ungeachtet, keine Nachrichten mittheilen. Wirwissen nur, daß er in seiner Jugend nach London kam, reißende Fortschritte machte und eine Zeit-lang hindurch das Glück hatte, in Italien dieMeisterwerke seiner Kunst zu studieren. In wel-chem Jahre er zurückkehrte, wissen wir nicht;allein bereits 176^ erschienen von ihm Angelikaund Medoro, und seit dieser Zeit eine ungeheuereAnzahl Arbeiten, von denen die besten durch dievielen Kupferstiche, die darnach verfertigt wurden,unter uns rühmlich bekannt geworden sind. Seinealtern Arbeiten, der Abschied des Regulus,Scipi'o's Enthaltsamkeit, der Eid des Römer-feindes Hannibal, die trauernde Agrippina, derbetroffene Aegistheus, der heilige Stephanus, derErzengel Michael , haben in der That bey allerKalte, allen Mangeln der Zeichnung, allen Feh-lern des Colorits, allem Flickwerk der dem Poussin und andern großen Malern knechtisch nachgemach-ten Draperien, die man einigen dieser Stückevorwerfe» kann, unverkennbare Züge einer edlen,keuschen, für das Große und Reine sehr empfäng-lichen Einbildungskraft. Seine Gegenstände sindgemeiniglich gut gewählt, und haben jene Würde,die sie der Kunst empfiehlt; seine Anordnung istüberdacht; seine Composition zuweilen reich; seineFiguren zeichnen sich durch Anstand aus, und esherrscht in seinen Gemälden die Eindeit des Ge-dankens, die sie zu einem Ganzen schafft. Alleinzur Wahrheit der heroischen Empfindung hat ersich nur selten heraufzuschwingen gewußt; seineGesichter sind oft nur allzuleer an Ausdruck, undverrathen, wie die kalten Stellungen, den miß-lungenen Versuch, durch Uebertragung des griechi-schen Marmors auf seine Leinewand, griechischeErhabenheit und Ruhe der zur Göttlichkeit erhö-heten Lebenskraft zu erzwingen. Wir könnten dieCharacteristik dieses Künstlers noch kürzer fassenund sagen: Daß seine Darstellung des heroischenSchönen zwar niemals unedel ist, aber es auchnie erschöpft. Das erhabenste Werk seiner Phan-tasie ist der Ugolino, den er wahrscheinlich nochin Italien dichtete; man empfindet mit der Wonneder Wiedererkenniing, daß der Künstler hier Remi-niscenzen aus dem Studium der Antike mit Geniebenutzt, und Züge vom Jupiter und vom Laokoonentlehnt hat, ohne der Originalität seines eignenGedankens zu nahe zu treten. Wests neuereWerke haben einen ganz verschiednen Character.Gegenstände, die aus unsern Zeiten und Sittenentnommen waren, hatte er bereits mit großemGlücke behandelt. Sie waren seinen Talenten an-gemessen, sein Gefühl konnte sich leichter hineinversetzen, und sein Publikum ihn besser verstehen.Ein undankbares, an malerischer Grazie verarm-tes, ganz außer dem Bezirk des Edlen liegendesSujet, die erste Zusammenkunft William Penn's mit den Wilden in Nord-Amerika , hatte wenig-stens denjenigen Werth, den die getreue Dar,stellung des Costume und einer übrigens moralischguten Handlung geben kann. Die Glaubensver-wandten des Künstlers fanden sich in diesem Ge-mälde sehr geschmeichelt, und mit ihrem Bey-

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falle hatte er vielleicht für diesesmal seine Absichterreicht. Gegen dieses kalte Bild machte dieherrliche Scene, wo der General Woulfe, einjunger brittischer Held, als Sieger vor Quebeck den Tod fürs Vaterland stirbt, den auffallend-sten Contrast. Dieses Meisterwerk in seiner Art,dessen schöne Composition und rührender Ausdruckallgemein bekannt sind, kann gewissermaßen dieHöhe bestimmen, die der brittischen Schule inhistorischen Gemälden erreichbar ist. Ganz beklei,dete Figuren, Sitten und Gewänder unserer Zeit,und wahre sittliche Empfindung des wirklichenLebens, die einer gewissen Zartheit und einesgewissen Schwunges bey ihrer Lauterkeit und nai-ven Unbefangenheit wohl fähig ist, setzten dasbrittische Künstlergenie in das vortheilhafteste Licht.Mit der Vorstellung der beyden Schlachten beyla Hogue und an dem Boyne *) eröffnete sichWest um 178» eine neue Läufbahn. Vielleichtkonnte der Vorwurf, daß in seinen bisherigenArbeiten zu viel Kälte und Monotonie geherrscht,daß es manchen an Ausdruck und kräftiger Far-benmischung gefehlt habe, zugleich aber auch derausdrückliche Wunsch des Königs, von seinen»Hofmaler die vorzüglichsten Scenen der brittischenGeschichte dargestellt zu sehen, diese Veränderungbewirken. Beyde Schlachten kennt man aus denschönen Kupferstichen, die darnach verfertigt sind.Es fehlt ihnen nicht an Handlung und Ausdruck;jene fällt sogar ins theatralische, und diese hatschon die Verzerrungen einer falschen Charakteri-stik. Die Wirkung der Farben dieser Stücke istauffallender, als sie es in west's frühern Arbei-ten war; doch scheint er im Kolorit keine beson-dre Stärke erreichen zu können. Die wichtigstenUnternehmungen der brittischen Truppen währenddes letzten Kriegs in Amerika hat dieser geschickteMaler auf sechs Gemälden vorgestellt, oder viel-mehr von seinem Schüler Trumdull, ebenfallseinem gebornen Nord-Amerikaner, der sich auchdurch seinen Ausfall der Garnison von Gibraltar gut angekündigt hat, in einer sehr belebten Ma-nier ausführen lassen, ttcbrigens gehört Westunter die wenigen Künstler, deren Talent nichtnur anerkannt und belohnt, sondern deren Cha-racter auch geehrt, und deren Umgang selbst vonden Großen der Erde gesucht wird. Der König,der ihn vorzüglich schätzt, hat ihm die Verzierungder neuen Zimmer im Schlosse zu Windsor aufge-tragen, und bezahlt ihm jedes Stück besonders,ungeachtet ein Jahrgehalt von loooPf. St., wieman sagt, mit dem Titel eines königlichen Histo-rienmalers verbunden ist Von den zahllosenMalereyen von West, deren Inhalt aus denH. Schriften entnommen ist, können wir nur ei5nige der wichtigsten anführen. Diese sind: Paulusauf der Insel Malta; Moses und Aaron vor demKönige Pharao , in der königlichen Capelle zuWindsor; Christus am Ufer des Jordan, eben-daselbst; die H. Maria Magdalena am GrabeChristi; die großen Altarblätter in der Capelle zuGreenwich und in St.Stephan's Walbrook **);die Himmelfahrt in der Hofcapelle zu Windsor,ein Bild, das die Gebrüder Facius (Deutsche,aus dem Herzogthum Weimar ) herrlich in Kupfergestochen haben; die Ersäufung Pharao's und sei-nes Gefolges im rothen Meer, ebendaselbst; derHeiland und die Apofiel, über dem Hauptaltar imJahr 1787 aufgestellt; die Bekehrung des H. Pau-lus, ein Bild, nach welchem eine Glasmalereyfür ein Fenster der St. Paulskirche zu Birmingham ausgeführt ist, u. s. w. West selbst hält eine Sceneaus dem Leben Alexander's III., KönigS von Schott-land, wie er nämlich durch Colin Fitz Gerald von

*) Sie befinden sich gegenwärtig im Cabiuet des Lord Grosvenor, x. 524.

S. Göde, S. n7- ff.

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