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Winkelmann.
Winkelmann,
schwankte eine Zeitlang zwischen Deutschland undGriechenland ; doch entschied er sich zuletzt fürjenes, ohne dieses ganz aufzugeben; im Gegen-theil hoffte er, durch unterstützende Beytrage ausDeutschland , künftig einen Plan auszuführen,den er lange gehegt hatte, nämlich in Elis Gra-bungen anstellen zu lassen, wo er Schatze der al-ten Kunst zu finden hoffte *). — Im'Septem-ber des nämlichen Jahrs wagte w. seine vierteReise nach Neapel , nachdem nämlich der dortigeMinister Tanucci ihn seiner freundschaftlichen Ge-sinnungen versichert, und er auch mit seinen ge-lehrten Gegnern daselbst sich ausgesöhnt hatte.Wirklich wurde ihm wie ehemals vergönnt, dieAlterthümer von Portier, und die Grabungen zuHerkulanum und Pompeji , so oft er wollte, zubesuchen. Er blieb zwey Monate dort, und er-lebte in dieser Zeit das Schauspiel eines Aus-bruchs des Vesuv , dessen Gipfel er, in Gesell-schaft des erwähnten Baron von Niedesel, unddes bekannten Alterthumforschers Hancarville,während der Eruption bestieg **). Damals hatteer bereits mehrere Materialien zum dritten Theileseines lVlonumenti ineckiti gesammelt, Manchesausgearbeitet, und Anstalt getroffen, daß diedazu erforderliche Kupfer nach seiner Rückkehraus Deutschland zur Herausgabe bereit liegenwürden. Als nun alle Schwierigkeiten beseitigtwaren, trat U). in Gesellschaft des BildhauersCavaceppi (10. Apr. >768.) seineReise nach Deutsch land an, die er allen seinen Freunden diesseitsder Alpen schon mehrmals mit den Ausdrückendes lebhaftesten Verlangens angekündigt hatte ***).Ihr Weg ging über Loretto, Bologna , Venedig ,
Verona , durch Tyrol. Hier zwischen den hohenGebürgen, die ihn vor iZ. Jahren so sehr entzückthatten, veränderte sich zuerst seine bisher heitereStimmung auffallend. Er konnte die schroffenFelsenwande, und weiterhin in Deutschland die—spitzen Dächer nicht ertragen; ihr Anblick versenkeihn in eine düstere Schwermuth, und Cavaceppi,dem dieser plötzliche Unmuth ganz unerwartet war,suchte vergebens ihn zu beruhigen und aufzuhei-tern. W. behauptete, er könne nicht weiter rei-sen, und müsse nach Italien zurück. Sie kamenindessen nach Augsburg und München , und seinGemüths - Zustand verschlimmerte sich immer mehr.In München wurde er mit vieler Auszeichnungempfangen, und erhielt dort einen schön geschnit-tenen Stein zum Geschenk, der ihm eine vorüber-gehende große Freude machte. Als sie nach Re gensburg kamen, äußerte er den festen Entschlußseinen Gefährten zu verlassen, und allein zurück-zukehren, und meldete von dort dem Kard.Albaniund dem Kupferstecher Mogalli seine nahe Wieder-kunft. Alle Versuche seines Freunds, in Gute undErnst und Unwillen, ihn zur Fortsetzung der Reisezu vermögen, waren vergebens; er gestand seinUnrecht, aber auch die Unmöglichkeit, davon ab-zustehn. Alles, was jener noch von ihm erhaltenkonnte, war, daß er noch bis Wien mitgehenwollte. Dort langten sie den 12. Mai, an, unddort meldete N). unterm 14. dem Fürsten vonDessau und seinem Freunde Muzel-Stosch inBerlin die Ursache, welche ihm eine weitere Fort-setzung seiner Reise unmöglich mache. In Wien ward er von dem Fürsten von Kaunitz u.a. Großenmit ausgezeichneter Hochachtung aufgenommen,
-y Schon früher hatten ihm ein junger Marseillaner, besonders aber die Engländerin, Mylady Orford, ähn-liche Anerbietungen gemacht, die aber in Rauch verschwanden. Diese letztere betreffend, schrieb er einesTags (,7. Aug. >767.) an Riedesel, der sich damals, so wie erwähnte Miladv , zu Neapel befand: „Alswir einst zu Florenz beym (Minister) Man äffen, bezeugte sie ein großes Verlangen, mit mir weiter zureden, und ich machte, wie mich deucht, den Tag bestimmt, sie zu besuchen. Ich kam zu einer sehrbequemen Stunde für eine Dame, und wurde nicht angenommen Sie stellet sich fremde, als wenn sie
mich allererst itzo kennete, und gleichwohl war ich derjenige, der ihre Reift nach Griechenland regierensollte, zu welcher bereits das Schiff fertig lag. Dieses war nach dem Tode des schönen VerschnittenenDekly, um welchen sie mehr Thränen, als in ihrem übrigen Leben, vergossen hat." D-ißd- 1 - S.- 85 -Darum aber gab er seine Lieblingsgedanken nicht auf, und nährte namentlich die Hoffnung, bey seinerReift durch DeutschlandActien zu sammeln, und einst, vermittelst derselben „eine Unternehmung auf Eliszu bewirken, und daselbst, nach erhaltenem Firman von der Pforte, mit hundert Arbeitern das Stadiumumgraben zu können." S. den Brief an Heyne vom iz. Jenncr 1763- „Diese Sache" (fugt er hinzu)„liegt mir nicht weniger am Herzen, als meine Kunstgeschichte, und wird nicht leicht in einer andernPerson die gleichen Triebfedern finden."
- 2 -"') Wo sie an der glühenden Lava Tauben brieten, und auf dem Schloßplätze zu Pvrtici ihre Flaschen lärten,weil sie sich in den rings umher schwankenden und krachenden Häusern nicht für sicher hielten. S. über-haupt über diese vierte Reise nach Neapel vornehmlich den Bries an Franke vom 5. Dez. -767.
Eine seltsame Stelle indessen befindet sich in einem Brief an Franke vom 6. Fcbr. 1768 also etwa vierMcsnate vor w Ende geschrieben. Sie lautet, wie folgt: „Endlich wird die Ruhe komme» an dem Orte,wo wir uns zu sehen und zu genießen hoffen! woran ich ohne die innigste Bewegung und ohne Freuden-thränen nicht denke» kann. Dahin will ich, wie ein leichter Fußgänger, so wie ich gekommen bin , ausder Welt gehen. Ich weyhe diese Thränen, die ich hier vergieße, der hohen Freundschaft, die aus demSchooße der ewigen Liebe kömmt, die ich errungen und in Ihnen gefunden habe." Auch heißt es beyDnßdorf l. 259. Not. „Der sel. Franke hatte am Rand dazu geschrieben: Daß er diese rüh-rende Stelle nicht nur in ihrem ganzen Umfange gefühlt, sondern auch, so oft er sie gelesen (und dieseshabe er mit unerklärbarer Webmuth sehr oft gethan) mit vielen Thränen benetzt habe. Indessen kündigtew. eben diesem Freunde später unterm 5. März seine nahe Ankunft bey ihm mit vieler Fröhlichkeit, unddem klassischen Ausrufe an:
O! <zui suiplexus! er gauäl» czunntn kmu,s!
f) Der ganz kurze Brief an den Fürsten von Dessau (W-'en -4.Mai) hebt also an: „Nach fünf ganzer Wocheneiner beschwerlichen Reise sind wir endlich in Wien angelangt, und ich mit einer großen Schwermuthbefallen, die mehr als einen Grund bat; und so viele Gewalt ich mir auch von Augsburg an angethan,dieselbe zu unterdrücken, so seh' ich kein ander Mittel zu meiner Beruhigung, als nach Rom zurückzugehen."In dem etwas ausführlicher» an Muzel-Stosch von gleichem Datum drückt er sich also aus: „Diese Reise,anstatt daß sie mich hätte belustigen sollen, hat mich außerordentlich schwermüthig gemacht; und da esrnchr möglich ist, dieselbe mit der benötkigten Bequemlichkeit forrzusstzeu, folglich kein Genuß ist, so seh'icd kein ander Mittel" (wie oben). Und noch an einer andern Stelle beißt es: „Ich bin überzeugt,daß für mich außer Rom kein wahres Vergnügen zu hoffen ist." (Man muß Italien kennen, um es ganzzu begr ifen, wie nicht bloß das -loice Mr »>«„,<- sondern hinwieder auch das „süße Vielthun, wasn,un will", beydes nur dort in solchem Maaße zu finden ist). In bevden dieser Briefe empfahl er denuun die Reise allein fortsetzenden Bildhauer Cavaceppi zu geneigter Aufnahme.