Winkelmann.
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Winkekmann.
Au« dem dritten Aufsätze S. 453 — 70.
Dieser letzte Aufsatz handelt vornehmlich vonden Vortheilen, welche aus den winkelmaniii-schen Briefen zur Entwerfung eines richtigen Bil-des von dem großen und liebenswürdigen Mannezu ziehen sind. „Zu bedauern ist es, daß wirnur allzuwenige Data zur Kenntniß seiner erstenBildung, und zumal nicht etwas der Art vonihm selbst geschriebenes haben. Seine Kindheitfiel in den Zeitpunkt, wo, bey noch so mangel-hafter Einrichtung der Schulanstalten in Deutsch land , dafür — zumal in den Häusern desMittel- und gemeinen Standes, noch alle dieTugenden in Ehren waren, woraus ächte kräf-tige Charackker erwachsen; wo das Geschäft,Menschen zu bilden, von manchem gewöhnlichenHandwerksmanne, neben seiner täglichen Arbeit,fast ohne die dunkelste Idee von Wissenschaft undKunst trefflich ausgeübt wurde. Mag demnachdie erste Bildung, welche LV. erhielt, mehr dar-auf gegangen seyn, in seiner herrlichen Bildungnur nichts zu verderben — vielleicht nur destoglücklicher für ihn. An seinen gelehrten Kennt-nissen scheint fremde Pflege den geringsten Antheilgenommen zu haben. Der blind gewordene Nec-tor, dessen Führer er wurde, ließ ihn für diesenDienst in seiner kleinen Bibliothek schalten, wor-aus er nach dem Antriebe seiner gutartigen Launelas, am meisten alte Sprachen. Er vernach-lässigte darüber, fast alle Uebungen in der Mutter-sprache, d. i. in dem modischen Deutsch oderUndeutsch vor A. »740, so daß Einige zu Stendal ,vermuthlich die Gelehrten des Orts, die Abnei-gung des jungen Menschen dafür strafbar fanden.Kurz, bey ihm selbst lesen wir die Aeußerung,„daß er beynahe in Allein sein eigener Meisterwar." Die allgemeinem Vorkenntnisse in Ge-schichte und alten Sprachen mag er bald durchUnterweisung jüngerer Schüler erweitert und leben-diger gemacht haben; zu welchem vorzüglichenHülfsmittel der Selbstbildung ihn glücklicherweiseseine Umstände nöthigen. Eine kurze Zeit vorden akademischen Jahren ging er noch auf einesder Berlinischen Gymnasien , und setzte dabeyjenen Unterricht fort; doch erwähnt Niemand,ob er zu Berlin Lehrer gefunden, die ihn mit denklassischen Sprachen und mit alter Litteratur ver-trauter gemacht. Eben so unbedeutend und vonschwachem Einfluß auf seine Entwickelung mußsein Höllisches Leben gewesen seyn, besonders inAnsehung der Kenntnisse, auf denen die Unsterb-lichkeit seines Namens beruht. Es muß ein selt-sam planloses und zerstücktes Studieren gewesenseyn, das er hier ins dritte Jahr fortsetzte.In ssriliericiann, schreibt er dem Grafen Bünau,psrum suppetiarum lcüt sä manum, LlrsecuLuro cariora. Eigentlich bekannte er sich, nachdem Wunsche seiner Eltern zum Theologen; alleinso wenig er sich den der Armuth behülflichenAnstalten des Waisenhauses näherte, eben so sel-ten scheint er die theologischen Hörsale besucht zuhaben. Kaum erwähnt er einen einzigen Gelehr-ten unter den damaligen dortigen Lehrern, alsden seinigen*); und noch weniger, was er vonihm gelernt habe. Eben so seltsam versichert ervon seinem folgenden Aufenthalte zu Jena , daßer sich dort den mathematischen und — medicini-schen Studien ergeben (zu den letztem hatte ergleich anfangs die meiste Neigung), und demIenaischen Hamberger (der damals als Professorder Physick und Medicin eben in seiner Blüthestand), vieles verdanke. Noch verdient von Hallenicht vergessen zu werden, daß hier die Ludwig-sche Bibliothek, die mehrmals, wie es bey fleißi-
gen Gelehrten geht, in Unordnung gerieth, W.ein ganzes halbes Jahr hindurch die erste Gele-genheit gab, sich jm Ordnen von Büchern zuüben, wobey er das Vergnügen hatte, aus demMunde des berühmten Besitzers einige Brocken(princlpia) von Feudal- und deutschem Staaks-recht zu empfangen. Reif war also winkeimannwohl noch nicht zu keinem landüblichen Berufe;am Wenigsten zu dem seinigen, der noch selbstvor ihm verborgen lag. Wahrscheinlich aberwürde er auf keiner andern hohen Schule vonDeutschland sür die Elemente seiner nachmaligenLieblingskenntnisse viel mehr gewonnen haben,außer etwa zu Leipzig , wo Gelehrsamkeit undGründlichkeit im Studieren Ton war, und wodamals, neben andern Lehrern der klassischenLitteratur, Christ eine kleine Anzahl von Zuhörernauch mit den Ueberbleibseln alter Kunst bekanntmachte, und durch Vertrag besser als durch seineHelldunkeln Schriften wirkte. Seiner eigentlichenBestimmung scheint w erst in den acht Jahren,die er theils als Hofmeister, theils als Conrectorder Schule zu Seehausen verlebte, um etwasnäher getreten zu seyn. In der letztem Stellefing er zuerst ein eifrigeres Studium der Griechenan; so daß er dem Gr. Bünau rühmen konnte,er lege den Sophokles nicht aus der Hand, undhabe sein Exemplar mit vielen Bemerkungen undVorschlägen zur Verbesserung des Textes beschrie-ben. Hierbei) mußten gleichwohl der Lernbegierdes gedrückten Schulmanns alle jene Hülfsmittelabgehen, die damals von den Gelehrten in Eng-land und Holland für griechische Litteratur erschie-nen, und er sah sich ohne Zweifel auf die Heroendieser Wissenschaften aus dem XV. Jahrhunderteingeschränkt. Dann aber waren die Jahre, welcheer seit seinem Dreyßigsten in der Nökhenizer-Bibliotheck des Grafen von Bünau, theils untergewissenhafter Erfüllung seiner Berufsgeschäfte,theils im gelehrter Muße (die er hier zum ersten-mal im Leben genoß) eine höchst wichtige Zeit fürihn. Hier erst lernte er ohne Zweifel die bessereSubsidien in Ausgaben und Commentaren kennen,und legte den Grund zu der weitläuftigen Littera-turkunde , die man überall bey ihm antrifft.Was ihn aber als Bibliothekar am meiste» aus-zeichnet, ist die nüchterne Selbstständigkeit, womiter sich den Verführungen entzog, denen der Ueber-fluß gelehrter Hülfsmittel den gewöhnlichen Kopfaussetzt. Pflichtliebe und Dankbarkeit gegen denMann, der ihn aus dem Gchulstaube gezogen,machte ihm dabey auch solche Arbeiten erträglich,wie Excerpten für dessen Reichsgeschichte, sürdeutsches Staatsrecht rc. aus Büchern, derenTitel ihm kaum des Behaltens werth seyn konnten.Aber in den Stunden, die ihm die Geschäfte,wofür er besoldet war, übrig ließen, muß er sichnicht bloß vielerlei Auszüge zu eigenem künfugenGebrauch gemacht, sondern auch einige der großenSchriftsteller Griechenlands im Zusammenhangegelesen haben. Zu dem ersten Zweck mußten ihmvornehmlich die Schriften der Akademie der In-schriften nützlich seyn, in deren Mitte auch Caylusseine antiquarische Laufbahn begann. Ueberhauptzeigte sich seine wohlgeordnete Lecture gleich inden ersien Schriften, mit welchen er bald nach-her auftrat. Mit welcher ausgewählten litterari-schen Kunde sieht man ihn hervortreten, und sichvörderst in Deutschland allgemeinen Beyfall, sowie späterhin bey den gelehrten Antiquaren Ita liens Achtung und Neid verdienen. Wenn diemeisten derselben, wie auch der Graf von Caylus,mühsam zusammentrugen, was zur Erläuterungeines Gegenstandes diente, fließt N). aus denöfter besuchten Quellen alles zu, was zur Sache