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Winkelmann,
Winkeln,an u>
vom Studium alter Sprachen, Geschichte undFabel aus. Durch Laplus geschahen zwar, wiegesagt, einige Vorschnitt, doch war der Ortseines Aufenthalts, Paris , damals noch wenigerals jetzt für den Alterthumsforscher der günstigste.Zudem wirkten die Vorurtheile einer manierirlenMalerschule nachtheilig auf seinen Geschmack undKunstsinn; es mußte ihm also wohl unmöglichfallen, sich über alle allen, festgewurzelten Irr-thümer zur freyen und klaren Erkenntniß zu erhe-ben. Jetzt erschien Wmkelmann zu Rom alsein mit Kenntniß alter Sprachen wohl ausgerü-steter Gelehrter. Unter den Kunstschätzen zu Dres den hatte er sich vorher einige Zeit umgesehen,und ohne Zweifel durch dieselben seine natürlichenAnlagen geweckt. Die Gunst des CardinalsAlexander Albani, die ihm in Rom bald zu Theilwurde, nebst den freundschaftlichen Verhältnissenmit Mengs, müssen der Entwickelung und Aus-bildung des Kunstsinnes in ihm sehr Vortheilhaftgewesen seyn. Unterdessen ist es wahrscheinlich,die Neigung zu schönen Formen, wodurch Mengsals Künstler sich auszeichnete, habe überwiegen-den Einfluß auf Winkelmann gewonnen, undihn vermocht, die Schönheit der Formen unbe-dingt als das Hauptprinzip der alten Kunst auf-zustellen. Der irrigen Meinung, Etrurier sowohlals Griechen hatten die bildenden Künste von denAegyptern erhalten, widersprach wmkelmannmit überzeugenden Gründen, und zeigte dagegen,daß solche aus dem allen Menschen inwohnendenDildungs- und Nachahmungstrieb überall ent-sprungen sind. Die Monumente von ägyptischenGeschmack, über welche, wie oben angemerktworden, bloß allgemeine und dazu unbestimmteBegriffe herrschten, ordnete er in drey Klassen,nämlich in ächtägyptische Arbeiten, in griechischeund in römische Nachahmungen derselben, nachKennzeichen, die von jedem kunstgeübten Augeunfehlbar erkannt werde» können. Ist man ihmdafür schon Dank schuldig, so erwarb er sichdoch bey weitem noch größere Verdienste durchfeine Aufklärungen über die Monumente der etru -rischen Kunst. Dieses Fach diente im Bezirk derantiquarischen Wissenschaften gleichsam zur Polter-kammer, wohin alles, was schwer zu deutenoder sonst nicht gut zu gebrauchen war, bey Seitegeschafft wurde. Die altgriechischen Werke vonErz und Marmor wurden sämmtlich dahin ver-wiesen; ein Gleiches geschahe auch mit den Vasenvon gebrannter Erve, ohne Ausnahme; ja manfindet bey Caylus sogar ägyptische Arbeiten füretrurische ausgegeben, und eben dieser sonst ver-diente Alterthumsforscher tadelt einen Pater Pan-kratius, der von sizilianische» Alterthümern schrieb,und ein bey Girgenti ausgegrabenes Gefäß vongebrannter Erde für griechisch und nicht für etru-risch hielt. Diese alten, schädlichen Vorurtheile,die immer neue Irrthümer hervorkricben, beschnittwmkelmann so zu sagen an ihren Lebenswurzelndadurch, daß er nachwies, die mehrerwahnten,bis dahin für etrurisch gehaltenen, bemalten Ge-fäße in gebrannter Erde seyen nicht zu bezweifelndeArbeiten der in Italien angesiedelten Griechen.Ebenfalls muthmaßte er, daß auch die plastischenWerke vom sogenannten elrurischen Geschmack,oder wenigstens einige derselben, altgriechischeMonumente seyn könnten. Erst späterhin ist manhierüber zu einer vollkommneren Kenntniß gelangt,der alte Wahn von einstmaliger Blüthe der etru -rischen Kunst und ihrer weiten Ausbreitung immermehr eingeschränkt, hingegen den Griechen ihrefrühern Denkmale wieder zugeeignet worden.Aber man muß ebenfalls gestehen, dieser Gewinnsey bloß mit dem uns von winkelmannn nach-gelassenen Capital erworben; denn was thatenseine Nachfolger anders, als in seine Fußtapfentreten, und, was er begonnen, etwas vorwärts
rücken? Die schönen in Griechenland und spä-ter zu Rom entstandenen Monumente betrachtetewmkelmann zuerst unter kunsthisiorischen Bezie-hungen , nach Kennzeichen des verschiedenen Ge-schmacks und Arbeit der verschiedenen Zeiten.Wir behaupten zwar keineswegs, daß solchesjedesmal mit unverbesserlichem Erfolge geschehen;doch zeigte er, und zeigte zuerst, wie die Antiken,nach offenbaren Merkmalen, in einer steigendenund sinkenden, von dem Geschmack, dem Stylund der Arbeit geregelten Folge, zu ordnen sind;auf welchem Wege allein die in schriftlichen Nach-richten so mangelhaft auf uns gekommene Ge-schichte der alte» Kunst nicht nur vollständiger,sondern auch — und dieses dürfte der wesent-lichste Nutzen und Vorzug derselben seyn — gleich-sam lebendig in den Monumenten selbst dargestelltwerden kann. Solche unschätzbare Erweiterungenerhielt die Kunde der alten Denkmale durch unsersWinkelmanns Bemühungen. Liesst man indessenseine Schriften mit prüfender Aufmerksamkeit, somag ohne Zweifel jede derselben, auch die letztensogar, in manchen einzelnen Punkten zu Erinne-rungen Gelegenheit geben, und zwar von Seitendes artistischen weder minder noch weniger ge-gründete, als von Seiten des litterarischen Theilsgegen dieselben gemacht worden sind. Allein eswäre unbillige Strenge, sie auf diese Weise rich-ten zu wollen. Ernste, auf's Allgemeine gehendeBetrachtungen über Winkelmanns Hauptwerk,die Geschichte der Kunst des Alterthums, müsse«vielmehr jeden Gerechrdenkenden von der Unmög-lichkeit überzeugen, daß ein Mensch allein einesolche große, nicht vorbereitete Unternehmung,in wenigen Jahren, für den Gelehrten sowohlals für den Kunstkenner durchaus fleckenlos solltevollenden können. Wäre demnach jemand, der,was Winkelmann gethan, nur für Anfängehalten wollte, so widersprechen wir demselbennicht geradezu; aber wir sagen, es sind großeGrundlagen, welche unbeweglich feste stehen, undbehaupten überdem laut, in den größten wichtig-sten Punkten, welche die Kunde der schönen altenDenkmale fördern können, mag man wmkelmannkeck vertrauen; denn er hat, mehr als kein an-derer im Geist mit den Alten verwandt, immerdas Rechte geahndet, wenn auch nicht allemaldeutlich ausgesprochen, und obwohl Widersachergegen ihn aufgetreten sind, hat man sich dennochgenöthigt gesehen, seinen Lehren zu folgen." ZumBeschluß dieses Abschnittes wirft dessen Verfassernoch einige Blicke auf den Zustand der Alterthums-kunde in artistischem Sinne, seit WinkelmannsZeiten, und glaubt (wohl mit allen Einsichtigen),daß darin keine bedeutende Dorschritte gethanworden. »Der große Vorzug demnach, denWinkelmann als Alterthumsforscher über seineVorgänger, Zeitgenossen und berühmtesten Nach-folger behauptet, die Ursache warum, ungeachteteinseitiger Anfechtungen, seine Schriften ernst mei-nenden Freunden des Alterthums immer noch vorAndern nutzbar und werth geblieben sind, bestehtin dem Zusammenwirken gelehrter Kenntnisse mitlaukerm Kunstsinn; Eigenschaften, die sich in sol-chem Maaße sonst nie vereint gefunden, und zu-gleich Eigenschaften, die keinem Alterthumsfor-scher zu erlassen seyn dürften, welcher mit glück-lichem Erfolg auf der von Wmkelmann gebroche-nen Bahn fortzuschreiten gedenkt. Ein geübterGeschmack allein wird, ohne hinlängliche Bekannt-schaft mit der alten Litteratur, nicht überall aus-reichen; noch weniger sind bloß gelehrte Kennt-nisse zulänglich, wenn sie nicht durch richtigenGeschmack unterstützt und von der Fähigkeit be-gleitet sind, den Geist der Alten, den Hähernpoetischen Gehalt ihrer vorzüglichsten Kunstgebildeaufzufassen."