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Allegri.
einen Schwan zwischen den Schenkeln hält, dermit leidenschaftlicher^Zudringlichkeit seinen Halsan ihren Busen drückt, und seinen Schnabelihren Lippen zu nähern scheint. Sie sitzt, gegeneinen Baum gestützt, auf einer Rasenbank amWasser, worin sie den einen Fuß halt; ihreganze Wendung, so wie der starke Ausdruckim Gesichte, zeigt wohllüstige Empfindung an.Neben ihr huckt am Gebüsche ein schöner Amormit schlauem Blicke, der auf der Leycr spielt,so wie, neben diesem, zwey andere, die ein ausverschiedenen Hörnern gebildetes Instrument an-stimmen wollen. Aber nun (höchst sonderbar (s»)!)auf der andern Seite der Leda erblicken wir einzweytes junges Mädchen, das im Wasser bisan die Kniee steht, und mit einem Anscheinvon Unschuld sich gegen einen andern auf sieanschwimmenden zudringlichen Schwan zu ver-theidigen sucht, mittlerweile noch ein drittesMädchen, das wohl schon zur Frau gemachtist, einem dritten Schwan, welcher eben vonihr weggeflogen zu seyn scheint,,in die Höhe,mit einem Ausdrücke von Vergnügen und Be-friedigung nachsieht, und dabey von einer altenBedienten, die über das Vorgegangene zu trauernscheint, sich wieder ankleiden zu lassen, im Be-griffe steht. Alles ist mit derjenigen Grazie vor-gestellt, die in solchem Maaße nur dem Lorreggioeigen war. Den Hintergrund bildet ein Waldvon hohen Bäume» manigfaltiger Art; der Vor-dergrund hingegen besteht größtenteils in einemTeich krystallhellen Wassers, in welchem all'Obiges sich ereignet hat. Das Ganze ist vollAnmuth, und stellt ein malerisches Gedicht dar,das die verschiedenen Vorfälle der Liebe zumGegenstand hat ('o°). Noch bemerkt Füßli ins-besonders: „Die Zeichnung der weiblichen For-men in diesem Bilde ist zwar weniger zierlichals in der Io. doch ebenfalls wahr und reizendausgeführt, und der Ausdruck, sowohl in denGesichtern als in den Bewegungen der handeln-den Personen — sogar des Schwans, von einerso eindringenden Bedeutung, daß der stärkstenEinbildungskraft wenig mehr hinzuzudenkenübrig bleibt ('°'). In wie fern unsre Leda zuSanssoucy noch wohl oder übel erhalten sey,haben wir nirgends Kunde gefunden. Ein sehrschönes Bild von dem nämlichen Gegenstand,auf die oben beschriebene Weise, nur mit eini-gen kleinen Abweichungen behandelt, soll sich,einst wenigstens, im Pallaste Colonna befundenhaben ('").
Wo die Danae aus der Galerie Orleans
Allegri.
hingerathen sey, ist uns, wie wir schon ver,nommen, unbekannt ('or). Dudens de Ar.Gelais nennt es ein Bild auf Luch, das Maaßfast völlig wie der Leda, und die Figur natür-licher Größe, und beschreibt solches kürzlich,wie folgt: Sie sitzt auf einem Ruhebett, vonwelchem ein geflügelter Amor die Decke weg-zieht, die sie hingegen zurückhalten will. DerAnfang des Goldregens dringt durch die Zim-merdecke. Unten zur Rechten sieht man zweyAmorme, von welchen der eine einen Pfeil aufeinem Schleifsteine spitzen will, den der andrehält. Zur Linken sieht man in der EntfernungGebäude, und etwas blauen Himmel". AuchMengs muß es irgendwo gesehen haben, daer uns so umständlich, und wahrscheinlich ge-nauer als der Franzose, davon erzählt: „Die-ses Bild stellt die Fabel der Danae sehr deut-lich, und dabey mit wahrhaft dichterschem Geistedar. Sie liegt reizend auf dem Ruhebett hin-gestreckt. Ein Amor, oder vielleicht Hymen,hebt mit der einen Hand das Leintuch, dasihren Schooß deckte, worein sie jetzt den gol-denen Regen auffängt, in welchen Jupiter sichverwandelt hat, und mit der andern zeigt erauf die schönen Goldtropfen, die sie mit ge-fühlvollem Vergnügen betrachtet. Zu den Füßendes Bettes stehn zwey kleine Amorine an einemProbirstein, auf welchen der eine einen derGoldtropfen, der andere die Spitze eines Pfei-les streicht. Dieser letztere scheint von vielfesterm Charakter als der erstere zu seyn — viel-leicht um anzudeuten, daß die Liebe vom Pfeilherkömmt und ihr Untergang (rovins) vomGold. Dieses Bild ist ganz Grazie; Hymenzumal von der glücklichsten Physiognomie, dieman sich denken kann, und seine ganze Figurso schön gezeichnet, wie kein Neuerer es jemalsbesser gemacht. Das Helldunkel verdient nichtminder Bewunderung; und ungeachtet der Kör-per zum Theil wenig beleuchtet ist, so erscheinter dennoch so klar, und mit so angenehmen Re-flexen, daß man kaum gewahr wird, wie er, undnoch dazu ziemlich stark, beschattet ist; allein ebendieser Schatten giebt den Schenkeln, die dasLicht auffangen, ein um so viel größeres Relief,besonders dem linken, der die Figur, wie ausdem Bilde hervorstehend macht. Danae's Kopfscheint eine Nachahmung der Medicäischen Ve-nus zu seyn, und hat dieselbe Anordnung derHaare; bloß setzte Lorreggio seinem Gegenstandden crfoderlichen Ausdruck, und einen etwaSmehr jugendlichen Charakter hinzu". Noch
(9g) Ungefehr wie die alten Deutschen und Niederländer einen ganzen CvkluS auS der biblischen Ge-schichte in die verschiedenen Vor- Mittel- und Hintergründe ihrer Bilder brachten! S- darüber daSWeitere in der gleich folgenden Note.
(>o») Meng» nämlich scheint die drey Mädchen wirklich für drey verschiedene Personen, und nur dieHauptfigur im Vorgrunde für die Leda zu halten, die dann auch, in Hinsicht der bekanntenMythe der, unter der Gestalt eines Schwans, von Jupiter mit ihr gepflogenen Liebschaft, demBilde den Namen gegeben. Dagegen nimmt du Dois de St. Gelais an: Alle jene drey Mäd-chen seyen immer die Leda, wie sie anfänglich der Verführung widerstrebt, dann sich besiegenläßt, und endlich in fürdauerndem Genusse schwelgt. Wir gestehen, daß auch wir dieser letztere,Deutung vollkommen beypflichten.
(>»>) Gestochen ist auch dieses Bild, wie wir schon vernommen, vorzüglich von Duchange (,' z" hoch,6" br.); dann wieder, wie die Io, kleiner von Desrochers, und in noch drey kleinen Kopiern,von I. le Makkre, einem Ungenannten bey Poilly, und endlich ziemlich schlecht von einem Anony-mus. Von Duchange's Blatt giebt es, so wie von seiner Io, Abdrücke, wo, nachdem er diePlatten aus Gewjffensscrupein verdorben, solche aber ziemlich gut wieder hergestellt worden, nun-mehr die Nacktheit der beyden Heldinnnrn mit Drapperien bedeckt wurde, was sich komisch genugauSnimmt.
(>»,) Oesl. Orecn-io l.anäi d>ro. Z70. Nach diesem Bilde soll (Fiorillo I. c. 285 zufolge) Porporatieinen Stich geliefert haben.