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A l l e g r i.
muß also eine Ursache von diesem geschwindenSprunge vorhanden seyn; und eben ein einzigesStück des schönen Alterthums konnte auf seinGemüth den Eindruck machen, wie es aufRaphaels seines die Bilder von Michael Angelo gethan. Aber freylich eine solche Wirkung konnteohne eine bedeutende innere Anlage nicht stattfinden; denn äußere Gegenstände vermögennicht weiters, als Grundlagen, welche bishermüssig und ungeübt in uns vorhanden waren,in entwickelnde Gährung zu bringen. Da erhiernachst bald merken mußte, daß zu einemschönen Licht- und Schattenspiel die geradenLinien nicht hinreichten, mußte er auf die wel-lenförmigen, convexen und concaven verfallen,so daß, wenn ja noch eine gerade bey ihm an-getroffen wird, solche kaum sichtbar ist. Erstrehingegen erzeugten dann eben jene Grazie, welchedes Unsrigen souveraines Eigenthum ist. Dieconvexe Linie giebt nämlich Größe, und dieconcave Leichtigkeit. Wahr ist's: Die Altenmischten in ihren Umrissen mehrerley Linien undWinkel als Er, und setzten die ihrigen aus ge-raden, convexen und concaven zusammen, daer sich hingegen nur der beyden letzter» bediente,wodurch, was freylich nicht zu laugnen ist,bisweilen etwas Manierirtes entstuhnd". — Ineinem dritten Aufsätze endlich: Betrachtungenüber den Werth des Correggio , im Anhangezu der Mengsischen Biographie desselben, lesenwir(^8): »Einige haben den Correggio großerUnrichtigkeit in der Zeichnung beschuldigt; einTadel, den wir, im strengen Sinne des Wortsfür ungegründet halten (^o). Wahr ist's, baßer nicht Gegenstände von so einfachen Formen,wie die Alten, wählte, noch so angespannteMuskeln, wie Michel Angelo , auch überhauptmit dem Nackenden nicht so viel Staar machte,wie die Florentinische Schule; allein deswegenkennen wir keines seiner Origmalwerke, welcheswir einiger Unrichtigkeit der Zeichnung beschul-digen könnten; und gereicht es ihm ja zum ewi-gen Ruhm, daß die Carracci , Anmbal undLudwig besonders, ihren Zeichnungs-Styl nachdem (einigen bildeten, wie man an allen ihrenArbeiten sehen kann, die sie fertigten, ehe sienach Rom kamen. Indem er Alles vermied,was Winklicht wgr, und somit nicht in dieKleinigkeiten und Trockenheiten verfiel, derendie Maler der frühern Schulen gewöhnlich sichschuldig machten, ließ er also die geraden Linienweg, wählte fast in allen Fällen rechts undlinks die krummen, wie der Buchstabe >5- siebildet, und glaubte dadurch die meiste Graziezu erreichen, so wie solches auch die Altengethan (2?°), und zwar nicht etwa aus eigen-sinnigem Geschmacke, sondern um die Wahrheitauf das Genaueste nachzuahmen, da der Baudes menschlichen Körpers es so mit sich bringt,daß die Schrägheit der Muskeln und ihre ver-schiedene Lage auf den Gebeinen diese abwech-selnden Krümmungen bilden. Da übrigens flei-sch igte und muskulöse Körper immer mehr con-vexe Formen haben, und diese größer sind als
Allegri.
die concaven, da hingegen schwache und magereKörper nicht so viel Eonvexitat und desto mehrConcavität zeigen, so wählte Correggio amliebsten den Mittelweg, doch ohne sich zu sehrvon der Wahrheit zu entfernen".
Ueber einen zweyten, wesentlichen Kunsttheil,nämlich das Helldunkel in den Werken desCorreggio betreffend, sagt uns LNengs in demersten der gedachten Aufsätze (^-: «Auch Lor-reggio fing, gleich seinen Vorgängern damitan, seine Arbeit einzig nach dem Leben zu mo-deln; aber nach seinem weichen Gefühle konnteer d,e Härke seiner Meister nicht ertragen; daherließ er vörderst alle innern (?) Kleinigkeitenaus, und machte Alles biegsamer und zärter l?^);aber durch die engen Formen der einfachenNatur sah er sich doch stets gezwungen, dieLichter den Schatten so nahe zu setzen, daßdieser gähe Unterschied seinen Augen eine neueUnleidlichkeit verursachte. Alsdann suchte seinzärtliches Gefühl noch tiefer in der Natur nach,und erkannte: Daß Alles, was groß ist, denAugen um der Ruhe und sanften Regung willen,die sie dadurch spüren, angenehm ist. Somitfing er an, seine Hauptformen zu vergrößern,sah dann aber, daß, wenn er die Natur befol-gen wollte, das allzu belle Licht ihn zwinge,allzu viele Dinge anzudeuten; also befließ ersich, mindern Lichtes, als seine Meister gebraucht,sich zu bedienen. Zu dem End stellte er seineKörper so hin, daß fast nur die eine Hälfte imLicht, und die andere dunkel blieb. Da aberdie Finsterniß dem Menschen insgemein zuwiderist, so fühlte er, daß die Wiederscheme zurAnnehmlichkeit sehr tauglich wären; durch dielealso unterbrach er alle seine Schatten, undbekam durch wenig Licht, aber desto mehrereReflexen, viel Großes und wenig Kleines, ge-nug Abstechendes, aber wenig Grelles, also denangenehmsten Schein. Da er erkannte, daßalle Farben durch mehr oder weniger Eindruckdes Lichtes und Schattens mehr ober minderschön werden, so störte er die Lichtigkeit derKörper, auch in ihren Schatten, nie ohnehöchste Nothwendigkeit, und bewirkte dadurcheben die Deutlichkeit, wie Raphael, aber mitviel mehr Milde; und seine Werke scheinen, jeweiter sie aus dem Gesichte kommen, nur destostärker. Eh' er aber vollends zur Vollkommen-heit seines Geschmackes gelangte, blieb er nocheinige Zeit auf den Rändern seiner Lichter etwasabgeschnitten, wie es auch selbst die Naturthut, wenn ein starkes Licht sehr von der Seitegenommen wird. Endlich aber brachte er es soweit, daß er Allem die höchste Anmuth undSchönheit zu ertheilen wußte. Dabey abergieng er in seinen meisten Arbeiten nicht wieRaphael zu Werke (^r), sondern setzte Lichtund Dunkel an den Ort, wo es ihm am beßtenzu wirken schien; kam dann das Licht von selbstund natürlich auf den Ort, wo er es hinwünschte,so machte er es, wie er es fand; wo nicht, sosetzte er an diese Stelle einen lichten oder dun-keln Gegenstand, Fleisch, Gewand oder An-
(-6s) Bey prange Hl. ,65—167.
(-69) Noch in einem vierten Aufsätze: Ueber die verschiedenen Schulen der Malerei (prange I- 239),sagt uns Meng« denn doch ganz kurz: „Correggio '« Zeichnung sey sehr angenehm, aber un-korrekt'.
(270) An dieser Stelle widerspricht sich Meng« in Dergleichung mit seiner diesfälligen Aeußerung indem vorhergehenden Aufsätze.
(27,) l. e. 64 69.
(272) prange giebt's: „und suchte seine Farben mehr zu verschmelzen und zu vertreiben '.
< 27 Z) Was prange so erläutert: „Er streute nicht, wie Raphael, das Licht über sein ganzes Ge-mäld auo"