Band 
Zweyter Theil [5].
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Alle § r i.

Tizian; aber in der Abstufung derselben warer, nach Meng« Urtheile noch erfahrner alsletzkrer. Er wußte seinem Colorit eine Leuchtezu geben, die man bey Andern selten findet;man glaubt die Gegenstände in einem Spiegelzu sehen; und wenn zu Abendzeit, bey abneh-mendem Licht andre Bilder an Lebhaftigkeit ver-lieren, scheinen die seinigen gewissermaaßendaran zu gewinnen, und Phosphoren gleich diedunkele Luft zu durchdringen. Von jenem Fir-nisse, welchen pllnius an dem Apelles rühmt,haben wir in der neuern Malerkunst entwedergar keinen Begriff, oder EorregIio muß ihnuns geben. Einige haben an seiner Earnationhie und da mehr Zartheit gewünscht; und dochmuß man eingestehu, daß er solche nach Alterund Gegenständen wunderschön abzuwechseln,und darein eine gewisse Mürbigkeit, Saft undLebenskraft zu legen wußte, die dem Leben selbstähnlich war".

»Indessen bestand vollends seine Meisterschaftüber alle uns bekannten Maler in seinem Ver-ständniß des Lichts und der Scharren. Sowie die Natur die Gegenstände nicht in gleichstarkem Lichte zeigt, sonder» solches je nach derOberfläche, der Entgegensetzung und der Ent-fernung derselben abwechselt, so beobachteteauch er eine solche Abstufung darin, daß es un-merklich zu- und abnimmt, was in der Lust-perspektiv, worin es sich abspiegelt, so nöthig,und so schön durch die Harmonie ist, die eserzeuget. Nach Maaßgabe bewirkte er das Näm-liche in den Schatten, und wußte in jedem denWiderschein der benachbarten Farbe so darzu-stellen, daß, bey so vielem Gebrauche derselbenkeine Monotonie, sondern stäke Abwechslungerscheint. Dieser sein Vorzug erhellet besondersin den beyden Bildern seiner Nacht und seinerMagdalena zu Dresden - Dort und überall gaber mit seinem Helldunkel den Figuren nicht alleineine unvergleichliche Rundung und Mürbigkeit,sondern legte auch in das Ganze einen vor ihmunbekannten Geschmack dadurch, daß er dieMassen von Licht und Schatten in den verschie-denen Gründen mit einer Kunst vertheilte, welcheganz natürlich schien, in ihrer Wirkung abervöllig ideal war. Zu dieser Vollkommenheitgelangte er auf der nämlichen Bahn, die auchMichael Angelo eingeschlagen; nämlich durchFertigung von Modellen in Kreide oder Wachs,wovon sich vor ungefehr zwanzig Jahren nocheinige Ueberbliebsel in der Kupole zu Parma sollen vorgefunden haben. Dann geht auch die,freylich nicht erwiesene Sage, daß er zu gleichemZwecke, während seines Aufenthalts zu Parmasich Begarelli's , eines berühmten Bildhauers,bedient, und denselben auf seine Kosten dahinhabe kommen lassen''.

»Auch seine Kenntnisse in den übrigen Kunst-theilen sind an ihm zu loben, doch nicht allein gleichem Maaße. Seine Erfindungen sindgut, nur daß er sich bisweilen in dem Punkteder Einheit verfehlte, und mehrere AbschnitteEiner Geschichte in das gleiche Bild brachte.So z. B. in der Mythe des Marsyas im Pal-laste Litta zu Mayland, wo der eine Abschnittseinen Streit mit Apollo, ein zweyter, wie Minerva über ihn das Urtheil spricht, und ein dritterdie Vollziehung desselben darstellt Aehnlichesfindet sich in der für Carl V. gemalten Leda,wo der Schwan zweymal erscheint; zuerst wie

Allegri.

er sich allmählig mit ihr bekannt macht, undund dann wieder, wie er ihrer mächtig wird.Sonst gliechen gewöhnlich seine Erfindungendenjenigen des Anakreons, wo die Amortne, sowie bey geistlichen Gegenständen die Engelchen,die angenehmste Rolle spielen. So in seinemSt. Georg, wo dieselben mit seinem Helm undSchwerdre scherzen; oder in seinem St. Hie-ronymus, wo ein Engelchen dem H. Kindedas Buch dieses großen Kirchenlehres, und einandrer den Geruchncrven des letzter» die Balsam-buchse der H. Magdalena vorhält. Wie mäch-tig er übrigens im Componiren war, beweis'tseine weltberühmte Kupole, wo die Architekturfür die Composttivn, und nicht diese für jenegemacht zu seyn scheint- Gegensätze liebte ersowohl in ganzen Figuren als in ihren einzelnenTheilen; und zwar dies niemals gezwungen,oder in solchem Maaße, daß es dem Anstandoder der Wahrheit Schaden bringt. Den Aus-druck besaß er, bey verliebten Gegenständen, ineinem Maaß ohne Beyspiel. So in seiner ge-dachten Magdalena, wo dieselbe, im Begriffeden Fuß des H. Kindes zu küssen, mit Gesichts-zügen und Regungen dargestellt ist, welche alleSchönheiten vereinigen, die sich bey andernKünstlern zerstreut finden; wie solches Mengsausführlich bemerkt hat, so daß von ihm EaruU'sschönes Wort gilt: Omnibus uns omnes sub-rixuit Veneres. Auch der Schmerz wurde vonihm wunderschön und je nach dem Gegenstandabwechselnd ausgedrückt. So z. B. in seinerPieta zu Parma , auf's Zarteste in der Figurder Magdalena, auf's Tiefste in der H. Mutter,und in der Mitte zwischen beyden in einer drittenFrauensperson. Wenn sich dann bey ihm vonfurchtbaren Gegenständen nur wenige Beyspielefinden, so muß man darum nicht denken, daßer nicht auch dafür stark genug war. So seheman nur seinen Henkerc kriecht in der Marterdes St. Placidus, welchen Dominichino inseinem berühmten Bilde der H. Agnese offenbarnachgeahmt hat".

„Was endlich seine Lennrnr'ß des Eoftume,und seine Gelehrsamkeit betrifft, so grenz ihmsolche in Darstellungen geistlicher Gegenständenicht im Mindesten ab; in mythologischen konntesie allerdings besser seyn, wenn er sich, gleichRaphael und den Neuern, genau an den Vor-gang der Antiken gehalten hätte. In seinerLeda z. B. sieht Juno einer alten Dame gleich,welche voll Grimm und Eifersucht Jupitersverstohlener Liebe zuschaut, und aber weder inihrem Gesicht noch in ihren beygegebnen Sym-bolen nichts vorn Alterthume hat, und daher inden Beschreibungen dieses Bildes als eine ganzmüßige Figur erscheint. In der Fabel des Mar-syas hat dieser nichts von einem Faun an sich;der Minerva mangeln ihre Egide und andre ge-wohnte Attribute dieser Göttin; auch Apollosieht nicht aus, und ist nicht gegliedert, wieman sich solchen vorstellt, und anstatt der Leyerspielt er die Violine. Hieraus leiten wir einenneuen Vermuthungsgrund her, daß Eorreggionie in Rom war, wo auch mittelmäßige Künstlervon dem dortigen so häufigen Alterthume sichbelehren lassen, dergleichen Mängel auszuweichen.Doch, wie gering sind diese, ja, man möchtesagen, eher AÜegri's Name noch günstig,da sie nur um so viel mehr uns fühlen lassen,daß derselbe hingegen den hohen Ruhm seines

Farben besser in einander zu mischen, und gleicher über das Ganze auszuspendeu, so daß sie mehrdarüber gegossen, alS bloß damit bedeckt erscheinen möchten. Von seinem Farbcnglanze endlich,welcher jedoch tie Gegenstände nicht zurückprallen macht, so wie von der Festigkeit seiner denMalereyen der Alten gleichen Oberflächen, schien gedachter Künstler den Grund in einem starken,selbst den Flammändern unbekannten Firnisse zu finden, da der letztem ihrer wohl eben so hell undfröhlich, aber nicht so kräftig, wie der seinige war.