Band 
Zweyter Theil [5].
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A z a r a.

lution fiel', war gerade lderjenige, wo Azara'sAnsetzn in. Rom sichtbar abzunehmen anfing. Erhatte sich ziemlich allgemein den Ruf eines Phi-losophen erworben; und dieser Ruf, der wahr-scheinlich von seiner thätigen Dazwischenkunftin der Jesuitensache herrührte, machte ihn beyallen denjenigen Streitigkeiten verdächtig, wodie Religion und ihr Interesse gefährdet zuseyn schien. Als indessen die Begebenheiten vomI. 1796 eintrafen, wo die Franzosen das nörd-liche Italien mit Heeresmacht überzogen, undim Begriffe waren, auf Rom loszugehn, warseine Fürsprache bey dem General Buonapartenoch die einzige Zuflucht des Pabstes, dessenflehentlichen Bitten der Minister nicht widerste-hen konnte, sich nach Mailand zu begeben. Waser dort bewirkte, reichte zwar zur ErleichterungRoms hin, schien aber den eingenommenen Köpfenum einen zu theuern Preis erkauft zu seyn, undman lobte lau genug den Muth und den Eifer deseinzigen aufrichtigen Freunds, dem der römischeStuhl in diesen unglücklichen Zeiten nur mitUndank zu lohnen wußte. Endlich bewog ihndie bekannte Ermordung eines französischen Ge-nerals, und die darauf erfolgte Vernichtungder päbstlichen Regierung, sich nach Florenz zurückzuzichn. Nicht ohne tiefes Leidwesen sah'er sich genöthigt, so vielen Gewohnheiten und Ver-hältnissen zu entsagen, die ihm 55 Jahre langso theuer geworden waren. Getrennt von seinenFreunden, von seinen Büchern und von seinenGemälden, schien bald nachher^ Paris für soviele Entbehrungen ihn zu entschädigen. Künst-ler, Weise, Gelehrte, Staatsmänner, Allesbeciferte sich, ihm mit der Verehrung zu hul-digen, die so vielem Verdienste gebührte. Azarawar vor Allem aus ein Spanier; zugleich abergebot ihm weise Politik, die Interessen Frank­ reichs mit denen seines Vaterlands als unzer-trennlich zu betrachten. Schwerlich war dieseGesinnung jederzeit mit Unbefangenheit gewur-digct worden, und man weiß, daß er die Zeitseiner Sendung zu Paris hindurch größtenteilszwischen Gunst und Ungunst seines Hofes ge-schwebt hat, zweymal in gänzliche Ungnade ge-fallen, und endlich sein? Stelle ihm entzogenward. Hiemit endigte sich seine politische Lauf-bahn, und auch sein Leben. Er war seinemVaterland außerordentlich zugethan; seine Frey-mülhigkeit soll jedoch manchmal, wo nicht dieGränzlinien der Mäßigung, doch die der Klng-heit überschritten haben. Man weiß, daß erdie Muße, welche ihm während dieses letztenZeitpunkts seines Lebens eine einsweilige Ver-weisung nach Barcelona gestattete, zur Bearbei-tung von Denkschriften benutzte, worinn er,neben den Resultaten seiner langen Erfahrung,eine Menge Thatsachen verzeichnete, die sichunter seinen Augen ober durch seine Mitwirkungzugetragen haben, welche aber unsers Wissensbisher angedruckt geblieben sind. In Rücksichtder körperlichen Bildung halte die Natur denUnsngen eben so sehr begünstigt, als das Schick-sal ihm von Seite der äußern Glücksumständegewogen war. Von mittlerer Größe mteressirtenseine Gesichtszüge durch ihre Regelmäßigkeit undden Ausdruck von Ansetzn, der die Aufmerk-samkeit erweckt, und die Ehrerbietung aufruft.Die Thätigkeit seines Geistes reichte zu Allemhin.. Weniger ernsthaft, als ihn sein Gesichtankündigte, hatte er, besonders in seiner Ju-gend, Zerstreuungen und Vergnügen, niemalsaber den Müßiggang geliebt. In seinen Be-griffen und dem Ausdrucke derselben herrschteeine,seltene Bestimmtheit; dennoch hatte er einevorzügliche Anlage zur Wortmalerey, wenn schonnicht mit glänzendem Kolorits, doch mit starkenTinten; Stärke nnd Richtigkeit waren sein Wahl-

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sprüch; bloß Ausgepinseltes und Manierirteskonnte, bey ihm, in der Rede wie in der Kunst,keine Gnade finden. Durch seinen langen Auf-enthalt in Rom hatte er sich eine Art Diktaturerworben, die er nicht ohne Anmaßung ausübte,der man sich aber willig unterwarf. Unerschüt-terlich in seinen Meinungen, oft mehr herrischals einnehmend, aufgelegter zum Entscheidenals zum Erforschen, ließ er einen nicht zum Wi-dersprüche kommen, oder schwächte wenigstensden Muth dazu. Dafür war er treu seinemStaate, seinen Worten und seinen Freunden,wenn er auch gleich einigemale diejenigen strengebehandelte, die sich ihm Hingaben. In Spanien unterhielt er fürdauernd Verbindungen, die sichvon mehr als vierzig Jahren herschricben- Daes ihm manchmal begegnete, sich mit wenigSchonung auszudrücken, so konnte man versuchtwerden, ihn für unbescheiden zu halten; dießgeschah aber nie bey wahrhaft wichtigen Ange-legenheiten. Welche geheime Meinungen er ge-habt haben mag, sein äußeres Betragen bliebjederzeit tadellos. Niemals hat er, weder derWürde seines öffentlichen Charakters, noch denVorschriften der Religion, in welcher er geborenward und gestorben ist, Abbruch gethan. Erwar es, auf dessen Veranstaltung Bodoni dasvon dem Kardinal Bernis hinterlassene Gedicht:In lleligston ven^ee, in vierley Forinat ausLicht förderte. Er starb so entschlossen, wie erseine Unfälle ertragen hatte- Noch eh' er zu-letzt in Ungnade fiel, hatte sich bey ihm eineKrankheit gezeigt, die jedermann, nur er selbstnicht, für tödtlich hielt. Sein Blut hatte sichsichtbar aufgelös't, seine Beine schwollen an;eine schwarzgelbe Blässe entstellte die Züge, dieübrigens noch in so hohem Alter ihren Adelbehielten. Man fand darin einen jener schönenantiken Köpfe, die er einst so enthusiastisch be-wundert und so richtig gewürdigt hatte. Biszu seinem Ende nährte er noch die Hoffnungder Genesung, nnd sprach unaufhörlich von derWiederkehr des Frühlings, wo er sich schmei-chelte, noch einmal sein geliebtes Italien wiederzu sehn, und sein theuerstes Traumgebilde warzuletzt, den Reiz jenes Gefühls noch um einigeZeit zu verlängern, das ihn so lange an diePrinzessin von Santa-Croce, und ihre Familiegefesselt hatte. ^ Das Schicksal vergönnte ihmnicht, diese süße Täuschung zu verwirklichen.Dafür verschonte es ihn mit dem Todeskampfe,den wir gewöhnlich vor unserm Ende z» bestehenhaben. Den Tag vor seinem Hinscheiden warder von einer plötzlichen Kälte ergriffen. Manrückte ihn näher zum Kaminfcuer hin; abervergebens war dieser unmächtige Versuch; Azarairrte sich nicht es war die Todeskälte. Vonseinen Drüdcrn war nur einer zugegen. »Bru-der', sprach er zu ihm mit Heiterkeit, »in demZustande, worin ich bin, ist nur »och ein Schrittzum Tode; ich gehe, ihn zu thun." EinigeStunden vor seinem Ende verlor er den Gebrauchder Sprache, aber den Gebrauch von seinerVernunft behielt er bis zum letzten Augenblick.Am Abend, auf welchen sein letzter Tag folgte,konnte er noch die Hand ausstrecken, und dreyenseiner theuersten Freunde, dem Kardinal Con-salvi, dem Minister Mareschalchi, und dem Rit-ter Angiolini sein Lebewohl zu winken. Am ff.Morgen schickte man ihm einen Geistlichen,dessen Ermahnungen er anhörte, und der ihnmit den Sakramenten versah. Am 26. Jan.180s Abend 5 Uhr st. er, in einem Alter von75 Jahren. Seine irdischen Reste wurden an-fänglich nach der St. Jakobskirche gebracht,und dann auf dem Gottesacker von Montmartre begraben. Ein zahlreicher Zug begleitete ihnzur Gruft. Diese letzte Huldigung mußte den