Band 
Sechster Band. K bis L.
Seite
107
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Katholicismus 107

mir den Namen Papalsystem, Ultramontanismus, Romanismus bezeichnet, wehtunterschieden werden. Das Episcopalsystem beruht auf dem Grundsätze:„das bischöfliche Amt sei von göttlicher Einsetzung und daher der Papst als Ober--Haupt der Kirche nur der Erste unter seines Gleichen" (>', i>»„>> int, r z,:>,e>>), wor-aus eine größere Freiheit der Bischöfe in ihrem Wirkungskreise und die Lehre folgt,daß die von Rom ausgegangenen oder begünstigten, und unter den Katholiken mehroder weniger gangbaren, unhaltbaren Meinungen, abergläubigen Gebräuche undschädlichen Mißverständnisse der christlichen Religionswahrheit keineswegs der ka-tholischen Kirche selbst zur Last fallen, sondern als Unvollkommenheiten zu betrach-ten sind, welche sich bei ihr, wie bei andern menschlichen Anstalten, eingeschlichenhaben. Nach diesem System erscheint der Katholicismus viel edler, reiner und echtchristlicher, als seine Gegner zugestehen wollen. Das Papalsystem hingegenhat auf dem Gipfel seiner Anmaßungen den Papst (s. d.) als Urinhaber allerKirchengewalt und eigentlichen Ordinarius aller Kirchenämter dargestellt, und zumunumschränkten Herrn der Kirche gemacht, woraus denn folgte, daß die römischeCurie jeden Mißbrauch und Aberglauben, der ihr einträglich schien, trotz alles Wi-derspruchs frommer Bischöfe, heiligen und in Ausübung bringen konnte. Freilichaber ist, zum Nachtheil der Bischöfe und der ganzen Kirche, das Übergewicht bis indie neuesten Zeiten aus der Seite des im herrschenden Volksglauben gegründetenPapalsystems gewesen. Seine Macht war zwar, zufolge der neuen polit. Ver-änderungen, insofern geschmälert worden, daß der Papst durch die Vereinigungdes Kirchenstaats mit dem franz. Reiche seinHmd, durch die Aufhebung der Klösterund geistlichen Orden in den wichtigsten katWlischen Staaten eine sonst bedeutendeStütze seines Ansehens, und bei der sehr erschwerten, hier und da ganz abgebrochenenVerbindung zwischen ihm und der jetzt mehr von den Fürsten abhängigen Geistlich-keit, viel von seinem Einflüsse auf die geistliche Regierung der Völker verloren hatte.Daß diese Macht aber keineswegs vernichtet, daß die katholische Kirche noch ebenso glücklich als eifrig in der Behauptung ihrer alten Rechte ist, hat die Fruchtlosig-keit der letzten Versuche zur Reform ihrer Verfassung und das Verfahren des Pap-stes PiuS ^ I I. seit seiner Wiederherstellung in den Besitz des Kirchenstaats gezeigt.Man beobachte das kluge, feste und folgerechte Verhalten der Geistlichkeit, manforsche nach der allgemeinen Stimmung, man besuche die Kirchen undWallfahrtS-örter der Katholischen , und man wird einräumen müssen: der Katholicismus stehtnoch in seinem alten Glänze da, er weiß noch immer mit seinen durch hohes Alter-thum geheiligten und in keinem wesentlichen Stücke geänderten Formen, mit sei-nem festen, Alles durchdringenden System, durch eine anziehende Mystik, durcheinen reizenden poetischen Anstrich, durch die Pracht und den Zauber seiner Gottes-dienste, die Mehrheit der jetztlebenden Christen an sich zu fesseln und in zahlreicheVersammlungen zu rufen. Worin und wie viel er nun geneigt sein möchte, nach-zugeben und entgegenzukommen, wie viel der Protestantismus von ihm würde an-nehmen müssen, falls es zu der beabsichtigten Religionsvereinigung kommen sollte,ob sie mehr als eine Rückkehr der Protestanten in den Schoß der katholischen Kir-che , und überhaupt bei den, scharfen Gegensatze, in dem die Grundlehren beider Kir-chen einander entgegenstehen, möglich sein würde, ohne den Charakter entweder dereinen oder der andern allmälig ganz zu verwischen: das beantwortet sich in Erwä-gung der oben berührten Thatsachen leicht. Auch hat man sich nachgerade von derllnthunlichkeit dieser Vereinigung überzeugt; die von einigen wohlmeinendenSchriftstellern für die Ausführung derselben geäußerten Vorschläge und Wünschehaben in den übereinstimmenden Gutachten der einsichtsvollsten Theologen undStaatsmänner eine gründliche Widerlegung gefunden; und immer allgemeinerwird der Erfahrungssatz anerkannt, daß, wie verschiedene Charaktere sich stärkeran einander angezogen fühlen, leichter befreunden und sich besser vertragen als solche,