108 Katholicismus
die sich in ihnen Vorzügen und Mangeln gänzlich gleich sind, auch die Glieder ver-schiedener Religionsparteien, so lange jede im ungestörten Besitze ihrer Eigenthüm-lichkeiten bleibt, einander freiwillig die Duldung und Freundlichkeit beweisen wer-den, die sich durch keine Decrere und Concilicnbeschlüsse erzwingen läßt. Die Ka-tholischen zeigen jetzt, wenigstens in Deutschland , in ihrem wissenschaftlichen Be-streben Neigung zum Protestantismus, und vorzüglich diejenigen ihrer Schrift-steller, welche das religiöse Bedürfniß ihres Volks im Auge haben, nähern sich im-mer mehr dem Geiste, in dem die protestantischen Schriftsteller gleicher Art schrei-ben ; dagegen regt sich unter den Protestanten eine hervorstechende Neigung zumGottesdienste der katholischen Kirche , und wenn wir jene Erscheinung auf demFelde der Wissenschaft und Literatur vielleicht zu den erfreulichen rechnen dürfen, sowird diese uns wenigstens nicht befremden. Eine edle, majestätische Bauart, eineglänzende, Alles umstrahlende Beleuchtung, ein verschwenderischer Reichthum anherrlichen Gemälden und Bildwerken, an kostbaren Gewändern und Geräkhschaf-ten ergötzen das Auge; eine Fülle harmonischer Töne, die sich von dem hoben,meist wohlbesetzten Chöre, bald erschütternd, bald besänftigend, in die widerhallen-den Raume ergießt, entzückt das Ohr; der einnehmende Duft köstlichen Räucher-werks schmeichelt den Geruchsnerven; die geheimnißvollen Laute einer fremden,den Meisten unbekannten Sprache, deren Feierlichkeit und Wohlklang man em-pfindet, ohne ihren Sinn zu verstehen; die bedeutsame Reihenfolge jener vielsa-genden Feiergebräuche und Gebärdenreichgeschmückker Priester; die stillbeschäftigte,niederwerfende Andacht einer zahlreMm Gemeinde; der ergreifende Eindruck desfestlichen Ganzen '): Alles vereinigt Dh in den Tempeln der Katholischen, um dieSinne zu reizen und zu vergnügen, der Einbildungskraft Nahrung, Schwungund Spielraum zu geben, und das ganze Gemüth in eine Bezauberung zu ver-setzen, der es sich nur allzu gern und oft, sogar der nüchternen Überlegung zumTrotz, gefangen gibt. Will überdies die katholische Kirche sich der Kräfte undKünste bedienen, die sich in ihrem Schoße entwickelt, ausgebildet und manchenihrer Diener und Anhänger groß, berühmt und glücklich gemacht haben; will siedie Mittel gebrauchen, durch welche ehedem, nach dem einstimmigen Zeugnisse derGeschichte, die einflußreichsten und bewundernswürdigsten Erfolge möglich gemachtwurden; die Gewalt, mit der sie sich von jeher der Gewissen zu bemächtigen, dieLeichtigkeit, mit der sie über das unbehagliche Nachgefühl eines ungerechten oderzweideutigen Lebens zu beimhigen; die Gewandtheit und Überredungskunst, mitder der Iesuitismus die im Zuge des Wirkens für einen wichtigen Zweck verübtenUnredlichkeiten und Übelthatcn zu beschönigen; die Umsicht und Geschicklichkeit,mit der er das Geheimniß ihrer schwachen Seiten und Mangel immer anständigzu verschleiern, und endlich die Freigebigkeit im Versprechen und Belohnen, mitder derselbe Anwalt der Kirche Jedem den Preis, um den er sich hingibt, zu bietenwußte: wer wird ihr widerstehen können? Kein Wunder, daß ihr von Denen, diemenschlich fühlen, fehlen und begehren, die Mehrzahl zufällt. Wenn sie nunauch, sittlich veredelt und politisch geschwächt, den Gebrauch dieser Mittel jetztöfter als sonst verschmähen mag, so ist ihr, was ibrcni Einflüsse auf dieser Seiteabzugehen scheint, auf einer andern Seite durch die Gunst der neuen Poesie undKunstphilosophie reichlich wieder zugewendet worden. Der Überfluß an poetischemStoff, an sinnvollen Svmbolen und mächtigen Hebeln zur Anregung des Ge-müths, mit den, der Katholicismus ausgestattet ist, konnte den Augen protestanti-scher Dichter nicht entgehen. In demselben Zeitpunkte, da der überhandnehmendeRationalismus der Theologen und die Aufklai ungswmh ihrer Nachbeter alle For-men des historischen Christenthums zu durchbreche» und jeden Anhalt des kirchli-
*) Man erinnere sich an die feurige Schilderung, ivclcheMoriimer in Schillers „Ma-ria Stuarl" davon machl: „Es war dir Zeit des großen Kirchenfestes" u. s- w.