Band 
Sechster Band. K bis L.
Seite
109
JPEG-Download
 

108

Katholicismus (kath.). l. GlaubmSgrund

chen Glaubens zu stürzen drohten, fingen Lutheraner, Reformirte, ja sogar poe-tische Juten in Berlin, Jena ic. an, die Jungfrau Maria und tie Schar der Heuligen zu besingen; wir wurden mit Romanen, Legenden und Sonetten über-schwemmt, die mit Madonnen, Meßopfern, wundci thätigen Bildern und Reli-quien angefüllt sind; und man kann wol sagen, daß in der katholischen Kirche selbstdie poetischen Momente ihres Glaubens nie so warm aufgefaßt (s. Feßler'S „The-resia", auch dessen „Abelai d"), nie mit der Begeisterung gefeiert und in so glühen-den Bildern verherrlicht wurden, als es jetzt von Ketzern geschah. Dieser Enthu-siasmus gab uns liebliche, hinreißende Dichtungen. Novalis, Tieck , die Schle-gel entrückten uns in die Magie eines südlichen Himmels. Die Ästhetiker undKunstrichter konnten nicht unterlassen, von tiefer Gährung Kunde zu nehmen.Sie hatte das Gute, daß die großen Verdienste des Katholicismus um tie Musik,Malerei und Plastik neu anerkannt, diese Künste und ihre Priester hoher und wär-mer gewürdigt, der O.uell ihrer bewunderten Se!>- pfungen tiefer ergründet, unddie Geister der Rafael, Duonarotti und Danke wieder wach wurden. Die wissen-schaftliche Ästhetik erweiterte und verschönerte ihr Gebiet, und selbst die Litur-gie der Protestanten fing an, sich nach den Reizen ihrer ältern Schwester zu sehnen.Aber ehe sie noch dazu kommen konnte, sich die ihr angemessenen Zierden aus demempfohlenen Verrathe poetischer Beiwerke auszuwäblen und anzupassen, wurden,der Fürsten , Staatsmänner und Künstler, die in früherer Zeit meist nur aus poli-tischen Gründen Aufsehen erregende Beispiele des Übertritts gegeben haben, nichtzu gedenken, mehre Gelehrte, und in ihrem Gefolge eine Schar von Nachtrelernund Schwärmern der schmucklosen Einfachheit des Protestantismus, der unend-lichen Berathung und Zwietracht seiner Lehrer überdrüssig, ihm ungetreu, undwei-heten der katholischen Kirche ihre Schwüre und Federn. F. L. Srolberg'S und Fr.Schlegcl'S Übertritt war unstreitig Las Werk einer Überzeugung, die durch ästheti-sche Theilnahme, durch persönliches Wohlgefallen an den festen, auf die Menschen,wie sie sind, nicht unrichtig berechneten, der höchsten Bedeutung empfänglichenFormen des Katholicismus, vorbereitet, durch lebhafte Neigung genährt, die Ein-seitigkeiten der neuen Mutter vor ihren Augen verbergen mochte. Bei dem Allenwerden beide Kirchen uni so sicherer und verträglicher neben einander bestehen, jeallgemeiner man anerkennen wird, wie schön sie sich gegenseitig ergänzen, durchfreie, immer neu »angeregte Thätigkeit der forschenden Vernunft auf der einen,durch Fülle der Empfindung und strenges Festhalten der immer unentbehrlichenGlaubenssätze auf der andern Seite dos menschliche Gemüth erfüllen, und alswetteifernde Kräfte die Fortschritte des Menschengeschlechts zu höherer Bildungfördern. L.

Katholicismus, l. Glaubensgrund des Katholicismus.Das Christenthum ist eine äußere Offenbarung, eine positive, eine geschichtlicheReligion, und die Sache dieser positiven Religion gegen die nicht positive — Ra-tionalismus, Theismus, oder wie immer sie sich ankünden mag, selbst unter demNamen eines von äußerer göttlicher Offenbarung geläuterten Christenthums — istalso den verschiedenen Bekenntnissen keü Christenthums, dem Katholicismus undProtestantismus gemein; darin scheiden sie sich erst, daß der Protestant den Grundder göttlichen Offenbarung ausschließlich in dem Buche, in der Bibel, derKatholikdagegen in der Bibel und in der Tradition, in dem organischen Leben seiner vomheiligen Geist erfüllten Kirche findet. Es ist von der größten Wichtigkeit, anzu-erkennen, daß erst in dieser Betrachtung des Mediums der christlichen Offenbarungbeide Kirchen sich scheiden. Aus jener angegebenen Grundverschiedenheit beiderKirchen folgt von selbst die weitere, daß, da das Buch (Bibel ) allein steht, jederevangelische Christ das Recht der Selbsiforschung in dem Buche, während der Ka-tholik eine überliefernde Kirche hat. Darum protestirl der evangelische Christ gegen