Band 
Sechster Band. K bis L.
Seite
111
JPEG-Download
 

111

Katholicismus (kath.). I. GlaubcnSgrund

auch die Überlieferung der Kirche für glaubwürdig. Es ist Überlieferung, weiterfrage mchlS!" Gleich entscheidend drücken sich andre Kirchenvater aus. Enthaltenkönnen wir uns nicht, eine Äußerung des Protestanten Seniler,'herzusetzen: „Esist nichts als Unwissenheit in der Geschichte, daß christl. Religion mit Bibel ver-wechselt wird, als ob es kein Christenthum gegeben hatte, da es noch keine Bibelgab, als ob darum Die oder Die weniger gute fromme Christen hätten sein können,die von vier Evangelien nur eins und von so und so viel Briefen nur einige kannten.Vor dem 4. Jahrh, ist an ein vollständiges Neues Testament nicht zu denken gerne:sen, und doch hat es immer echte Christusschüler gegeben". Es war also das Ge-schriebene nur ein Theil der Überlieferung, nicht sie selbst. Das Wissen der katho-lischen Kirche ist ein geschichtliches. Solches ist aber undenkbar, wo todte Buch-staben herrschen. Die Sprache und das Recht bieten auffallende Beispiele dar.Nimmer wird man eine lebendige Sprache durch ein vorgeschriebenes Wörterbucherdenken, befehlen, erschöpfen, nimmer wird man das Recht durch ein Gesetzbuchschaffen und erschöpfen. Wohl aber können schriftlicheDenkniale derSpracheTheildes Sprachschatzes sein, wohl können einzelne RechtSbucher als Theile des lebendi-gen Rechts ersprießlich sein. Wenn es möglich ist, auf diese Weise das geschicht.liche Wissen der katholischen Kirche mit andern menschlichen Wissenschaften zu ver-gleichen, so ist uns auch hierdurch der Punkt gegeben, von wo aus die protestanti-sche Kirche zu ihrer Ansicht vom Bibelchristenthum gekommen. Der Protestantis-mus ist eine große Thatsache, die nicht allein in der Geschichte steht. Z» allenTheilen des Wissens findet man, daß die todte Schrift mit dem lebendigen Wissenkämpft. Allenthalben, wo der Kampf redlich geschlichtet, findet man, daß derGeist, nach langcmKampfe, oben geblieben, die Schrift nurHülfSmittel des Geistesgeworden, nicht den Geist verdrängt habe: denn eS tödtet der Buchstabe, aber der Geistmacht lebend. — Durch alle Fächer hindurch geht der Kampf der Schrift mit derÜberlieferung. Die letzte Zeit neigte sich ganz auf Seite der Schrift. Die Aus-breitung der Schriften und Bücher, die durch die Erfindung der Druckerei in un-sern Tagen ins Unendliche vermehrt worden sind, hat — sagt Moses Mendels-sohn, „Jerusalem ", S. 125 fg.— den Menschen ganz umgeschaffen. Die großeUmwälzung des ganzen Systems der menschlichen Erkenntnisse und Gesinnungen,die sie hervorgebracht, hat von der einen Seite zwar ersprießliche Folgen für dieAusbildung der Menschheit, wofür wir der wohlthätigen Vorsehung nicht genugdanken können; indessen hat sie, wie alles Gute, das dem Menschen hieniedenwerden kann, so manches Übel nebenher zur Folge, das zum Theil dem Miß-brauche , zum Theil auch der nothwendigen Bedingung der Menschlichkeit zuzu-schreiben ist. — Auch die Kirche hat, wie gesagt, diesen Kampf des Geistes mitdem Buchstaben empfunden. Das Verwerfen des lebendigen Wortes der Kirche,das Sehen der Bibel als alleinige Religionsguelle, der Protestantismus und seinKampf mit dem Katholicismus sind Beweise davon. Auf das jugendliche Lebendes MittelalkerS folgte die neue Zeit der sogenannten Wissenschaftlichkeir. DasRecht, was im Mittelalrer im Volke lebte, durch stiilwirkende Kräfte fortgebildet,von den Genossen geschöpft, ward nun zur Universitärswissenschaft, ein fremdesGesetzbuch wurde, aus seinem geistigen Leben der Heimath herausgerissen, zumtodten Gesetzbuch der Deutschen . Die Schrift, der Buchsiubc siegte hier über denGeist, das Lebendige. — Die Theologie, die das Mittclalter in heiliger Einfalt,als Gefühl des apodiktisch Wahren übte, ward schon durch die Scholastik Gegen-stand des Scbulstreites; da das innere, geistige Leben der Kircbe nicht sehr Ge-genstand des Streites sein konnte, so mußte sich dieser von selbst auf das eigentlichDbjcclive, die Schrift, richten. So war also Luther lange schon vorgearbeitet.Luther riß die Schranken weg, welche die Ungelehrken von Theilnahme am Streikeabhielten — durch seine Bibelübersetzung, oder vielmehr durch deren Verbreitung.